EU-Kommissar für Energie: "Es geht auch ohne Kernkraft"

- Das Thema Energie bestimmt derzeit die politische Tagesordnung in Europa. Nachdem Russland letzte Woche seine Öl-Lieferungen nach Polen und Deutschland unterbrochen hatte, ist in der Europäischen Union eine Diskussion entbrannt, wie der Kontinent künftig seine Versorgung mit Strom, Wärme und Benzin sicherstellen kann. Unsere Zeitung sprach darüber mit dem EU-Kommissar für Energie, dem Letten Andris Piebalgs.

Herr Piebalgs, die Europäer können ihren Energiebedarf immer weniger aus eigenen Öl- und Gasvorkommen decken. Schon heute muss die Hälfte der fossilen Energieträger importiert werden, 2030 werden es 65 Prozent sein, wie Fachleute vorhersagen. Lässt sich diese zunehmende Abhängigkeit noch verhindern?

Piebalgs: Nein, die Abhängigkeit wird wachsen. Allerdings können wir einiges tun, um die Liefer-Stabilität zu erhöhen. Zum einen können wir darauf hinwirken, dass die Staaten mit Öl- und Gasvorkommen ihre Produktionskapazitäten ausbauen, damit der wachsende Bedarf nicht zu steigenden Preisen führt. Zum anderen müssen wir mehr diversifizieren. Das betrifft unseren Energiemix, der künftig stärker auf erneuerbare Energien setzen muss, die wir auch in Europa nutzen können. Und das betrifft die Struktur unserer Lieferanten. Ziel muss es sein, dass so viele Länder wie möglich Gas oder Öl in die EU transportieren.

Welche zusätzlichen Lieferanten sollen das sein?

Piebalgs: Katar etwa, das Flüssiggas liefern kann. Oder Norwegen und Algerien. Interessant sind auch Aserbeidschan oder Kasachstan ...

... die an die geplante Pipeline "Nabucco" angeschlossen werden sollen, die Europa über die Türkei ­ und nicht Russland ­ mit Gas versorgen soll ...

Piebalgs: Richtig. Außerdem hoffe ich, dass auch der Iran einmal viel Erdgas nach Europa liefern wird, wenn der Atom-Streit beendet ist.

Bis dahin wird Russland wichtigster Gas- und Öllieferant für die EU-Staaten bleiben. Aber: Sind die Russen zuverlässig? Nach der Blockade im Streit mit Weißrussland wurden mehrfach Zweifel laut.

Piebalgs: So wie Moskau gehandelt hat, war das nicht der beste Weg. Die Russen müssen offen sagen, was das Problem ist, weil sonst Vertrauen zerstört wird. Das Wichtigste ist Transparenz. Grundsätzlich kann man Russland aber trauen. Allerdings dürfen wir deswegen nicht schlafen. Europa muss sich nach Alternativen umsehen.

Es wird dauern, die zu erschließen. Was kann die EU bis dahin tun, wenn es zu einem erneuten russischen Lieferstopp kommt?

Piebalgs: Dann müssen wir politischen Druck ausüben. Aber eigentlich kann ich kein Interesse von russischer Seite erkennen, Europa nicht zu beliefern. Gesellschaften wie Gazprom verspüren auch einen wirtschaftlichen Druck. Es gibt Verträge. Und wer nicht liefert, muss zahlen.

Zuletzt wurde wiederholt die Kernenergie als Alternative zu Gas und Öl ins Spiel gebracht ­ auch weil sie kaum klimaschädliches CO2 freisetzt. Wird es in Europa eine Renaissance der Atomkraft geben?

Piebalgs: Es werden derzeit zwei Kernkraftwerke gebaut, eines in Finnland, eines in Rumänien. Das ist nicht viel. Ich weiß also nicht, ob man von einer Renaissance sprechen kann ­ auch weil Reaktoren abgeschaltet werden. Dennoch wird Kernkraft ein Thema bleiben. Schon allein, weil ihr die Bevölkerungen in den neuen EU-Ländern weniger skeptisch gegenüberstehen.

Kann sich Deutschland den Atomausstieg leisten?

Piebalgs: Ob Atomkraft Bestandteil des Energiemixes eines Staates bleibt, kann die EU nicht bestimmen. Die Kommission sagt aber: Wenn Kernkraft ersetzt wird, dann müssen das Substitute sein, die kein CO2 freisetzen. Das sind erneuerbare Energien oder Technologien, bei denen das CO2 abgesondert und gelagert wird. Zudem kann der Energiebedarf durch mehr Effizienz verringert werden. Es geht auch ohne Kernkraft.

Energieeffizienz ist groß in Mode, aber die Spar-Apelle fruchten kaum: Der Stromverbrauch in der EU steigt unaufhaltsam weiter ...

Piebalgs: Das Thema Energieeffizienz ist jung und braucht Zeit. Gerade im Gebäudebereich, wenn es ums Heizen geht, ist Effizienz noch kein Leitmotiv. Viele Bauunternehmen möchten nur Profit machen und greifen auf billige Technologie zurück. Da gibt es noch einiges zu tun.

Was halten Sie von dem Vorschlag des deutschen Umweltministers Gabriel, nur noch sparsame Neuwagen zu erlauben?

Piebalgs: Das ist sehr vernünftig, denn gerade im Transportbereich ist die Abhängigkeit von Energieimporten groß. Aber ich sehe nicht nur die Notwendigkeit einer Regulierung, um die Effizienz zu steigern. Auch die Gewohnheiten müssen sich ändern. Das heißt, anstatt stundenlang im Auto zu sitzen, sollten die Leute verstärkt den öffentlichen Nahverkehr nutzen.

Umweltschützer haben das Ziel der EU, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2020 auf 20 Prozent zu steigern, als unzureichend kritisiert. Hätte man die Latte höher legen können?

Piebalgs: Nein. Unser Ziel ist sehr ambitioniert, denn in vielen Ländern stecken die Erneuerbaren noch in den Kinderschuhen. Momentan stehen wir erst bei weniger als zehn Prozent und ein Großteil davon stammt aus Wasserkraft. Aber in diesem Bereich gibt es kein Potenzial mehr. Das heißt, wir müssen auf Sonne, Biomasse und Wind setzen. Doch gerade beim Wind werden Milliarden-Investitionen in Leitungen nötig, weil der Strom von den Windparks auf dem Meer irgendwie an Land geleitet werden muss.

Interview: Florian Ernst

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