EU-Erweiterung: Druck auf Arbeitsmarkt wächst

- München - Die kurz bevorstehende EU-Osterweiterung wird nach Ansicht von Wirtschaftsforschern den Druck auf deutsche Arbeitnehmer verstärken. Als Folge neuer Möglichkeiten, Jobs in Niedriglohnländer zu verlagern, müssten sich Beschäftigte hier zu Lande auf flexiblere Arbeitszeiten und Lohnzurückhaltung einstellen, betonte das Münchner Ifo Institut.

<P>Zugleich sieht das Kieler Institut für Weltwirtschaft die Erweiterung als Chance: "Jeder, der es schafft, kostenträchtige Sparten ins Ausland zu verlagern, stärkt verbleibende Arbeitsplätze in Deutschland."</P><P>"Auch für kleine Unternehmen wird es durch die geographische Nähe zur Option, ihre Produktion in Beitrittsländer zu verlagern", sagte der Arbeitsmarktexperte Martin Werding vom Ifo Institut für Wirtschaftsforschung. Industriepräsident Michael Rogowski forderte angesichts des Wandels durch die Erweiterung verstärkte Reformen. "Einen reinen Lohn- und Kostenwettbewerb können wir nicht gewinnen", sagte er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Entscheidend sei eine Mischung aus Kosten, Qualität und Innovationen.</P><P>"Auch für den Standort Deutschland ist es ein Gewinn, wenn sich die Arbeitsteilung intensiviert", sagte der Leiter der IfW-Abteilung Wachstum, Strukturwandel und internationale Arbeitsteilung, Henning Klodt. So würden nachweislich viele Investitionsgüter für Auslandsprojekte deutscher Firmen in Deutschland eingekauft. Im Inland könnten sich zudem die Konsumenten über sinkende Preise für viele Güter freuen.</P><P>Rogowski und Klodt widersprachen Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), der Unternehmer, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, als "vaterlandslose Gesellen" gerügt hatte. Rogowski warf Thierse vor, die Unternehmen zu "diffamieren". Auch IfW-Forscher Klodt nahm die Firmen in Schutz: "Unternehmer haben nicht die Aufgabe, patriotisch zu sein, sondern müssen erfolgreich wirtschaften _ und da müssen sie sehen, wo sie die besten Bedingungen vorfinden."</P><P>Ifo-Experte Werding räumte ein, Verlagerungen von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer hätten auf längere Sicht auch einen Abzug von Kaufkraft zur Folge. Der Siemens-Konzern hatte kürzlich die Diskussion mit der Drohung angefacht, mehrere tausend Stellen ins Ausland zu verlagern.</P><P>Unterdessen haben Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber vor einem unfairen Steuerwettbewerb gewarnt. Die neuen Mitgliedsstaaten müssten eine angemessene Eigenfinanzierung sicherstellen. "Es kann nicht angehen, dass Deutschland als größter Nettozahler der EU einen unfairen Steuerwettbewerb gegen sich selbst finanzieren muss", sagte Schröder. Stoiber schlug in der "Welt am Sonntag" vor, die EU-Staaten müssten eine Mindestquote ihres Bruttosozialproduktes als Steueraufkommen erheben.</P>

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