Euro auf Rekordkurs: Keine Sorge um die Konjunktur

Frankfurt - So teuer war der Euro noch nie: Die europäische Gemeinschaftswährung stieg gestern auf knapp über 1,39 US-Dollar: Den höchsten Wert seit seiner Einführung im Jahr 1999. Nach Meinung von Experten ist ein Ende des Aufwärtstrends zunächst nicht in Sicht.

Der Euro weise in den nächsten Tagen nach oben, "wenngleich kurzfristige Rückschläge durchaus im Bereich des Möglichen liegen", sagte Devisenexperte Christian Löhr von der Bremer Landesbank.

Experten hatten zuletzt vor allem auf die enttäuschenden Arbeitsmarktdaten aus den USA vom vergangenen Freitag verwiesen, die den Dollar merklich unter Druck setzten. In den Vereinigten Staaten war die Beschäftigung im August zum ersten Mal seit vier Jahren rückläufig. Fachleute hatten mit dem Einbruch am Arbeitsmarkt nicht gerechnet und erwarten nun nahezu sicher eine Leitzinssenkung der US-Notenbank (Fed). Der geldpolitische Ausschuss der Fed trifft seine Leitzinsentscheidung am kommenden Dienstag.

"Der Anstieg des Euro auf sein neues Rekordhoch ist auch auf Kommentare von führenden US-Notenbankmitgliedern zurückzuführen", sagte Löhr. So hätten jüngst sehr verhaltene Kommentare von Fed-Chef Ben Bernanke die Unsicherheit über den geldpolitischen Kurs erhöht. Hiervon habe der Euro profitiert.

Befürchtungen für die Konjunktur haben viele Experten zumindest wegen des Dollars nicht. So reagiert etwa der Präsident des Bundesverbands des Deutschen Groß- und Außenhandels, Anton F. Börner, gelassen. Dank der konstanten Entwicklung seien die deutschen Unternehmen auf die hohen Eurokurse längst eingestellt. Hinzu komme, dass viele Geschäfte nicht zum tagesaktuellen Kurs stattfinden. "Hier sichern sich die Unternehmen durch verschiedene Termingeschäfte ab."

Erst bei einer dauerhaften Aufwertung des Euro um zehn Prozent im Vergleich zu einem gewichteten Korb an verschiedenen Währungen dürfte das Wirtschaftswachstum um 0,5 Prozentpunkte schwächer ausfallen, rechnet Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, vor. Und gemessen an diesem von der Europäischen Zentralbank (EZB) berechneten Währungskorb sei der Euro binnen eines Jahres nur um etwa drei Prozent gestiegen. "Deshalb muss kein Volkswirt seine Prognosen ändern", sagt Krämer.

Die Ursachen für den starken Euro sehen viele Fachleute vor allem in der Schwäche des Dollars. Das riesige Leistungsbilanzdefizit der USA führt schrittweise zu einer Abwertung des "Greenbacks". Und die US-Hypothekenkrise gab zuletzt indirekt noch einen kleinen Stoß dazu, sagt der Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer. Denn die Währungshändler gehen inzwischen davon aus, dass die US-Notenbank (Fed) wegen der Turbulenzen in der kommenden Woche die Zinsen senken wird. Die EZB hatte die Leitzinsen dagegen stabil gehalten. Dies lässt den Dollar dann für globale Anleger weniger interessant erscheinen.

Prognosen für die künftige Entwicklung der Währungen sind schwierig. "Das kann keiner sicher sagen", meint Mayer. Ein weiterer deutlicher Anstieg wäre aber "gewöhnungsbedürftig". Krämer sieht dagegen nur noch kurzfristig einen möglichen Anstieg des Euro. "Der Euro ist schon überbewertet." Das begrenze nun das Aufwärtspotenzial.

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