1 300 000 000 000 Euro Schulden: Und keiner weiß, bei wem

- München - Hans E. ist ein klassischer Fall für die Schuldnerberatung: Kreditlasten türmen sich vor ihm auf und wachsen immer schneller. Ständig muss er neue Darlehen aufnehmen, um die alten zu bedienen. Er weiß nicht mal mehr, wem er wie viel schuldet. Hans E. ist Deutschlands Finanzminister. Er und seine Kollegen von Ländern und Gemeinden haben zusammen 1,3 Billionen Euro Schulden: 1 300 000 000 000 Euro und die Frage: Wer leiht diesem Staat so viel Geld?

<P>Jede Sekunde versinkt der Staat um 2374 Euro tiefer im Schuldensumpf, wie der Bund der Steuerzahler errechnet hat. Im Jahr 2003 wird der Bund die Rekordsumme von gut 43 Milliarden Euro an Krediten aufnehmen, Länder und Gemeinden legen wohl nochmal so hohe Darlehen drauf auf den Schuldenberg. Trotzdem ist Deutschland als Kreditnehmer gern gesehen - und das, obwohl niemand genau weiß, bei wem Bund, Länder und Gemeinden in der Kreide stehen.</P><P>Kreditinstitute sind Deutschlands größte Gläubiger. Über 545 Milliarden Euro Schulden sind es bei den Finanzinstituten, hat die Bundesbank zum ersten Quartal dieses Jahres ermittelt. Auf knapp 530 Milliarden kommt das Ausland. Sonstige Kreditgeber - Unternehmen und Privatpersonen - aus dem Inland haben über 230 Milliarden verliehen. Bundesbank (4,4 Milliarden) und Sozialversicherungen (0,2 Milliarden) runden den Gläubiger-Mix ab.</P><P>Doch wer steht hinter diesen Posten? "Wissen wir nicht", heißt es bei der Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH. Sie wurde vor drei Jahren gegründet und ist der Schuldenmanager des Bundes. Ihre Aufgabe: Das fehlende Geld möglichst billig beschaffen. Je nach Zinsentwicklung ist es günstiger, Darlehen mit kurzer oder langer Laufzeit aufzunehmen. Die Abwicklung läuft über die Deutsche Bundesbank. Sie vergibt Bundeswertpapiere an eine feste Bietergruppe - derzeit 34 Institute von der Royal Bank of Scotland über die Bayerische Landesbank bis zur Deutschen Bank, die im vergangenen Jahr die meisten Papiere abgenommen hat. Aufgenommen in diesen Kreis wird jedes Kreditinstitut, das sich bereit erklärt, mindestens 0,05 Prozent der Emissionen eines Jahres zu übernehmen, und das ein Girokonto bei der Bundesbank unterhält - der Abwicklung halber. </P><P>"Die Banken können mit den Papieren machen, was sie wollen", erklärt ein Bundesbanker. Sie werden zum Beispiel weiterverkauft an institutionelle oder private Anleger. Anhand von Depot-Statistiken ermittelt das Institut eine grobe Gläubiger-Struktur, doch welcher Staat im Segment "Ausland" besonders stark vertreten ist und welche Kreditinstitute die wichtigsten Gläubiger Deutschlands sind, das weiß niemand.</P><P>Nur die Arten der Finanzierung sind bekannt. Sie schlüsselt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr auf. Während sich der Bund zu 95 Prozent über die Ausgabe von Wertpapieren verschuldet - und dabei vor allem in Form von Anleihen -, finanzieren sich Länder und Gemeinden vorwiegend über klassische Kredite bei den inländischen Banken und Sparkassen. Gut, dass Hans E. und seine Kollegen nicht in der Schufa stehen.<BR><BR></P>

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