Wie Europa die Chancen von Galileo riskiert

München - Europas Satellitennavigationssystem Galileo ist vom Hoffnungsträger zum Problemfall geworden. Potenzielle Anwender wandern zur US-Konkurrenz GPS ab. Die Politik streitet weiter ums Geld.

Diese Geschäftsideen haben einiges für sich: Eine will Postkunden per Satellit orten, um ihnen ihr Paket an Ort und Stelle zuzustellen. Eine andere plant, Autofahrer, die auf nasser Straße auf eine Kurve zurasen, mit Signalen aus dem All zu warnen. Eine Dritte will per Radar und Satellit Landminen kartieren. Sie alle wurden zur Computermesse Systems ausgezeichnet. Marktpremiere ist aber über die US-Konkurrenz GPS. Das transeuropäische Industrieprojekt Galileo hängt im luftleeren Raum.

2008 sollte das zivile Programm eigentlich starten. Mitte dieses Jahres ist dann ein Industriekonsortium aus der Finanzierung ausgestiegen, weil EADS und Telekom Zweifel an der Rentabilität kamen. Seitdem ringen die EU und einzelne Staaten in gereiztem Ton um eine Finanzierung auf Kosten des Steuerzahlers.

Als neuer Starttermin ist 2013 ausgegeben. Industrievertreter halten 2015 für realistischer. 3,4 Milliarden Euro soll allein der Aufbau von Galileo verschlingen. Die Verzögerung um mindestens fünf Jahre lasse die Kosten auf wenigstens 4,5 Milliarden Euro anschwellen, schätzt Evert Dudok, Chef der EADS-Raumfahrttochter Astrium.

Bis 2025 entsteht ein Markt für zivile Satellitennavigation von 450 Milliarden Euro, schätzt die EU. Die im Rahmen von Ideenwettbewerben gesammelten Anwendungen zielten auf einen Startschuss im nächsten Jahr. "Die Gewinner sollten jetzt loslegen", sagt ein damit befasster Manager. Das tun die Preisträger auch - über GPS-Signale.

"Ich bin ein Freund von Galileo, aber wir wollen so schnell wie möglich starten", sagt der Brite Colin Wilson, der für seine Idee mit der Landminenortung ausgezeichnet wurde. Er will seinen Innovationsvorsprung nicht verspielen. GPS sei zwar nicht so genau, wie es Galileo einmal sein soll. "Aber GPS gibt es", sagt der Brite nüchtern. So wie er würden viele Galileo-Ideengeber denken, die nun zum US-Signal GPS abwandern. Für Dienstleister kommen zudem weitere Alternativen zu Galileo. 2010 soll das russische System "Glonass" mit 24 Satelliten kommerziell einsetzbar sein. Zudem ist ein chinesisches System "Compass", für das es schon einen Testsatelliten gibt, im Aufbau. Die USA werden 2018 eine dritte Generation ihres GPS-Systems sendebereit haben, schätzen Experten. "Der Vorsprung schmilzt", räumt Alexander Mager vom Galileo-Generalunternehmer European Satellite Navigation Industries ein.

Alle Augen richten sich jetzt auf das für Mitte Dezember geplante EU-Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. "Dafür eine Prognose abzugeben, traut sich derzeit niemand", bedauert Mager. "Politisches Handeln ist nicht abschätzbar", bekräftigt ein Vertreter der Galileo-nahen Industrie. Die Hoffnung auf das System habe er damit nicht aufgegeben, die auf Gewinne schon.

Zwischen der EU und Deutschland ist die Finanzierung umstritten. Die Bundesregierung will am bisherigen Verteilungsschlüssel festhalten, die EU alles neu ausschreiben. "Dann fangen wir bei null an", sagt ein Industrievertreter zur zweiten Variante. Deutsche Firmen fürchten, bisher sicher geglaubte Aufträge an die französisch-italienische Konkurrenz Thales/Alenia zu verlieren. Also wird um die nationalen Interessen gepokert - mit dem Risiko, insgesamt zu scheitern. Doch mit einem Aus für das gesamte Projekt würde auch das von Deutschland den Partnern abgetrotzte Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen zur Investitionsruine.

Wie sehr der Glaube großer Teile der Wirtschaft an einen baldigen Galileo-Start schwindet, zeigt auch die Messe Systems, bei der das Satellitenprogramm immer ein Schwerpunkt war. 80 Galileo-Firmen haben noch 2006 dort ausgestellt, sagt Münchens Messechef Klaus Dittrich. 70 Unternehmen seien dieses Jahr nicht wieder gekommen mit der Bemerkung, eine Messe ohne Geschäftsperspektive nützt nichts. Wenn bis 2008 Galileo endlich positiv entschieden sei, beteilige man sich aber gerne wieder daran und auch an der Systems.

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