Roboter-Hightech: Lunar Lander soll innerhalb von neun Sekunden selbst seinen Landeplatz aussuchen und aufsetzen.

Raumfahrt

Europa auf dem Sprung zum Mond

Berlin – Die europäische Raumfahrt steht vor einer Richtungsentscheidung. Noch in diesem Jahrzehnt soll ein Roboter auf dem Mond landen. Pläne zur bemannten Raumfahrt treten dagegen in den Hintergrund.

Der Stolz der europäischen Raumfahrt heißt ATV. Das „Automated Transfer Vehicle“ ist das erste Transportsystem, das bereits dreimal völlig eigenständig an der internationalen Raumstation andocken konnte. Es versorgt seit 2008 die Station, die noch mindestens acht Jahre weiterbetrieben wird, mit lebensnotwendigen Gütern. Das Vehikel wird dann mit Abfällen gefüllt und verglüht samt Müll beim Sturz zurück auf die Erde. „Automatisch andocken können die Amerikaner nicht“, sagt Evert Dudok, Chef des Raumfahrtunternehmens Astrium Deutschland, nicht ohne Stolz. Diese europäische Kompetenz soll nun auf weitere Felder ausgedehnt werden.

Es ist ein Kurswechsel. Eigentlich war geplant, in einer nächsten Stufe das ATV zum Automated Return Vehicle (ARV) weiterzuentwickeln, das den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre beherrscht. Das wäre ein Schritt in Richtung bemannte europäische Raumfahrt gewesen. „Das Thema ist nicht aktuell“, sagt Dudok auf der Luftfahrtschau ILA in Berlin.

Hintergrund ist vor allem der Geldmangel im Zuge der Haushaltskonsolidierung. „Ich würde mir wünschen, dass wir eine Vision haben“, sagt Dudok. „Leider ist die Zeit nicht gut für Visionen.“ So will Astrium aus der Not eine Tugend machen und den europäischen Vorsprung bei der Robotertechnik erweitern.

Es gilt als sicher, dass die europäische Raumfahrtagentur ESA auf ihrer Ministerkonferenz Mitte November in Caserta (Italien) eine entsprechende Richtungsentscheidung trifft. „Wir werden das ATV weiterentwickeln“, sagt Dudok. Eine Raumkapsel mit Astronauten, die samt ATV in Richtung ISS fliegen soll, will man aber den Amerikanern überlassen.

Dagegen werden Pläne für eine unbemannte europäische Mondmission immer konkreter. „Wir wissen immer noch sehr wenig vom Mond“, sagt Dudok. Das soll sich durch Lunar Lander ändern. Dabei handelt es sich um eine europäische Mondfähre. Eine Studie wurde im vergangenen Jahr abgeschlossen. Jetzt steht die Entscheidung über die Umsetzung an. 2017 schon könnte der Lunar Lander auf dem Erdtrabanten aufsetzen und dort ein Mondfahrzeug aussetzen, das das Terrain rund um den Südpol des Mondes erkundet.

Für die Landung soll die hochpräzise Annäherungstechnik, die bereits das ATV nutzt, für die Landung auf dem Erdtrabanten weiterentwickelt werden. „In nur neun Sekunden müssen die Sensoren Unebenheiten wie Hügel oder Mondkrater erfassen und identifizieren“, erklärt der zuständige Astrium-Manager Michael Menking. Innerhalb dieser neun Sekunden wird entschieden, wo der ideale Landeplatz liegt und dieser auch angeflogen. Dies geschieht bei den schwierigen Lichtverhältnissen am Südpol des Mondes.

Wissenschaftler erwarten sich von der Mission nicht nur Erkenntnisse über die bisher nicht erforschte Entstehung des Mondes. Da es wahrscheinlich ist, dass sich der Mond von der Erde gelöst hat, als diese noch ein glühender Gesteinsball war, erhoffen sich Forscher auch Erkenntnisse über die frühe Geschichte unseres Planeten. Auf 300 Millionen Euro schätzen Branchenkreise die Kosten einer europäischen Mondmission.

Es dürfte nicht die letzte sein. Denn um den Mond wirklich zu untersuchen, müssten auch zusätzliche Gesteinsproben zurück zur Erde gebracht werden. Allerdings gibt es die Technik dafür in Europa noch nicht. Bis in die Mitte der 2020er-Jahre bräuchten die Europäer, um auch die Rückkehr späterer Lunar Lander zur Erde zu ermöglichen.

Unterdessen müssen die Europäer dringendere Probleme im näheren Umfeld der Erde angehen. Eines davon ist die Vermüllung des Weltraums unter anderem mit ausgedienten Satelliten. Einen Lösungsweg soll Astrium im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt mit dem Projekt DEOS aufzeigen. Ziel ist es, ein unbemanntes Raumfahrzeug zu bauen, das defekte Satelliten im Orbit wieder in Schuss bringt oder notfalls entsorgen kann.

Das ist leichter gesagt als getan. Denn alte Satelliten kreisen im Orbit nicht still um die Erde. Sie wirbeln um die eigene Achse und taumeln dabei meist unkontrolliert. Behutsam muss sich das Wartungsraumfahrzeug deshalb anschleichen und für mindestens die Dauer einer Erdumrundung ohne Kollision in rund einem Meter Entfernung davon aufhalten. Erst dann hat es berechnet, wie der Roboterarm den, wie Experten sagen, „unkooperativen Satelliten“ am besten greifen kann. Erst wenn beide Himmelskörper fest verbunden sind, ist es möglich, eine elektrische Verbindung herzustellen und auch ein Betankungsventil zu finden, um Sprit nachzufüllen.

Das wird mit den meisten toten Satelliten, die derzeit im Orbit kreisen, gar nicht möglich sein. So wird in vielen Fällen nur die Entsorgung bleiben. Das Abschleppfahrzeug muss den Satelliten zurück zur Erde stürzen, wo er beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglüht.

Martin Prem

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