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Die erste Forschungseinrichtung der Fraunhofer-Gesellschaft war das 1954 gegründete Institut für Angewandte Mikroskopie, Photographie und Kinematographie. Noch heute geht es darum, Erfindungen zur praktischen Anwendung, etwa in der Industrie, zu bringen.

Fraunhofer-Gesellschaft

Europas beste Ideenschmiede wird 60

MP3-Technologie, künstliches Knorpelgewebe, LED-Technologie und fettfreie Wurst– die Fraunhofer-Gesellschaft gießt vorbildhaft Erfindungen in Erfolgsprodukte. Dieses Jahr wird sie 60 Jahre alt und ist in der Wirtschaftskrise nötig wie nie zuvor.

Die Münchner Fraunhofer-Gesellschaft (FhG) gilt europaweit als beste Forschungsorganisation für angewandte Technik. Die FhG-Forscher konzentrieren sich damit auf etwas, woran es deutschen Firmen oft mangelt – die Umsetzung von guten Erfindungen in marktfähige Produkte. „Sie haben somit großen Anteil am Erfolg der deutschen Wirtschaft“, findet Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz.

Dieses Jahr feiert die hochgelobte Ideenschmiede ihr 60-jähriges Bestehen und ist nötiger denn je. „Gerade in der Krise zeigt sich die Bedeutung von Innovationen für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft“, stellt FhG-Präsident Hans-Jörg Bullinger klar. Insofern sei es ein großes Übel, dass Banken und andere Geldgeber der deutschen Wirtschaft vielfach benötigtes Kapital vorenthalten. „Damit droht auch die Innovation zu stagnieren“, warnt Bullinger.

Wächter über die Innovationen im Land

Wer das Werden der FhG verfolgt, der gewinnt den Eindruck, dass sie sich nicht zum ersten Mal als eine Art Wächter über Innovation im Land versteht. Mal geißelt sie säumige Unternehmer, weil sie auf der Kostenbremse stehen und bei Forschung und Entwicklung am falschen Ende sparen. Mal lockt sie mit „Forschungsbedingungen wie seatguru.com“ wissenschaftliches Spitzenpersonal in den USA nach Deutschland. Und die FhG ist Erfinderin. Prominentestes Beispiel ist die MP3-Technologie, die sich heute millionenfach in Abspielgeräten und Tonträgern wiederfindet.

Die Lizenzgebühren dafür fließen seit Jahren in Millionenhöhe an die Münchner. Weniger bekannte Highlights sind so unterschiedliche Erfindungen wie künstliches Knorpelgewebe aus dem Reagenzglas oder eine nahezu fettfreie Wurst. FhG-Forscher haben der LED-Technologie zum Durchbruch verholfen, die heute in Autoscheinwerfern leuchten. Sie tüfteln an Methoden zur Altbausanierung, die aus windigen Buden einmal Strom erzeugende „Plusenergiehäuser“ machen sollen und an Haushaltsrobotern, um der überalternden Gesellschaft gerecht zu werden.

Anschubhilfe für die Automobilindustrie

Der deutschen Autoindustrie leisten FhG-Forscher bei Elektromobilen gerade wertvolle Anschubhilfe. Schlüsseltechnologien stehen stets im Fokus. Allein 2008 haben FhG-Forscher die Rekordanzahl von 680 Erfindungen bei Patentämtern angemeldet. Bei der deutschen Behörde in München rangieren sie auf Rang 14 aller Anmelder, auf Augenhöhe mit Konzernen wie Volkswagen. Gut 5000 FhG-Schutzrechte sind derzeit aktiv.

Viele Erfindungen bleiben unbekannt

Viele Erfindungen, bei denen Forscher aus dem eigenen Haus ihre Finger im Spiel haben, bleiben aus Gründen der Vertraulichkeit unbekannt, sagt Bullinger. Denn geforscht werde überwiegend in Kooperation mit Firmen, die Erfolge für sich reklamieren wollen. Der FhG-Chef bedauert das nicht. Wichtiger ist ihm ein marktfähiges Produkt aus Deutschland. Entstanden ist der Innovationsmotor aus bescheidenen Anfängen.

Vor 60 Jahren gründeten in München 103 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Staat einen gemeinnützirgen Verein zur Forschungsföderung. Ein kleines Büro mit drei Angestellten wurde 1949 zum Sammelbecken für die Reste deutscher Forschung, die der Weltkrieg übrig gelassen hatte. Als Namenspatron für die Gesellschaft wurde der Erfinder und Unternehmer Joseph von Fraunhofer (1787 bis 1826) gewählt, als personifiziertes Symbol einer Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Milliardenschweres Forschungsvolumen

Zeitweise wurde die FhG wegen einer Rüstungslastigkeit in der Forschung kritisiert. Seit einer inneren Reform in den 70er-Jahren sind diese Stimmen verstummt. Zuletzt lag der Umfang an Verteidigungsforschung bei überschaubaren 38 Millionen Euro jährlich. Insgesamt betrug das Forschungsvolumen im Vorjahr 1,4 Milliarden Euro. Die Rekordsumme soll trotz Rezession 2009 übertroffen werden.

Durchlauferhitzer für Karrieren

Geforscht wird in einem einzigartigen Netzwerk aus 80 Forschungseinrichtungen, davon 57 im Rang von Instituten, die sich über ganz Deutschland verstreuen. Über 15 000 Spitzenforscher arbeiten dort. Bis zu 800 neue Stellen werden 2009 aufgebaut. Der Zustrom kommt nicht von ungefähr. In einer aktuellen Befragung von Studenten liegt die FhG hinter Porsche und vor Audi oder BMW auf Rang zwei der hierzulande begehrtesten Arbeitgeber. Die wenigsten bleiben bis zu ihrer Pensionierung im Forschungsverbund. „Wir sind eine Art Durchlauferhitzer für Karrieren“, weiß Bullinger. Wer bei der FHG erfolgreich war, heuert in der Regel über kurz oder lang in der Industrie an und kann sich bester Empfehlung gewiss sein.

Zum Jubiläum kommt die Kanzlerin

Am heutigen Dienstag ist die FhG auch Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Besuch wert. Die Gesellschaft feiert zum 60. Jubiläum aber nicht sich selbst. Vielmehr ehrt sie Preisträger von Forschungspreisen, deren Namen und Erfindungen noch geheim gehalten werden. Tat und Produkt standen bei der FhG schon immer im Vordergrund.

von Thomas Magenheim-Hörmann

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