Experte: Billigauto wird Gewichte im Automarkt verschieben

Gelsenkirchen - Das neue Billigauto des indischen Konzerns Tata könnten nach Ansicht des Gelsenkirchener Automobilexperten Ferdinand Dudenhöffer die Wachstumspläne von deutschen Herstellern gefährden.

Betroffen davon seien jedoch ausschließlich Hersteller im Massengeschäft. "Konzerne wie General Motors, Ford und VW stehen vor Wachstumsgrenzen", sagte Dudenhöffer am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur dpa.

"Diese Hersteller müssen nun schnell entscheiden, ob sie in diesen Markt einsteigen oder nicht", sagte Dudenhöffer. Keine Probleme sehe er dagegen für die Produzenten im sogenannten Premium-Bereich wie BMW oder Mercedes-Benz. Diese Produzenten hätten auch in den sich entwickelnden Ländern bei Käufern der Oberschicht weiterhin "hervorragende" Chancen.

Der deutsche Autozulieferer Bosch habe dagegen schon reagiert und den Einstieg in den neuen Wachstumsmarkt geschafft. Für das neue Billigauto von Tata, das am Donnerstag zu einem Preis von 2500 Dollar vorgestellt werden soll, wird das Unternehmen nach Angaben von Dudenhöffer Teile im Wert von etwa 200 Dollar liefern. Ein Unternehmenssprecher wollte diesen Wert auf Anfrage jedoch nicht bestätigen und verwies lediglich auf eine Zusammenarbeit im Bereich der Brems- und Einspritztechnik mit Tata. Im vergangenen Jahr hatte Bosch mit 16500 Mitarbeitern in Indien einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro erwirtschaftet.

Auch andere Autohersteller wie Renault seien bereits dabei, den neuen Markt zu untersuchen und könnten bereits in den kommenden drei bis vier Jahren mit einem eigenen Billigauto zum Preis von etwa 3000 Dollar auf den Markt kommen, sagte Dudenhöffer. Einfache Angebote wie abgespeckte Versionen gängiger Kleinwagen seien dabei jedoch der falsche Weg. Der Verzicht auf elektrische Fensterheber, Servolenkung, ESP ermögliche noch keinen Einstieg in das Billigauto-Segment. Notwendig sei vielmehr eine vollständige Umstellung der bisherigen Produktionsmethoden. "Man braucht ein komplett neues Denken", sagte Dudenhöffer.

Statt teurer Roboter müsse nun bei der Produktion wieder verstärkt auf billige Handarbeit zurückgegriffen werden. Hintergrund sei der in Indien im Vergleich zum deutschen Niveau extrem niedrige Lohn eines Arbeiters von etwa einem halben Euro in der Stunde. In Deutschland liege der entsprechende Vergleichswert dagegen bei etwa 35 Euro. Mittel- bis langfristig sei daher auch mit Jobverlusten in der deutschen Automobilindustrie zu rechnen, meinte Dudenhöffer.

Nach den Ergebnissen einer neuen Studie des von Dudenhöffer geleiteten Center Automotive Research (CAR) an der FH-Gelsenkirchen soll bis zum Jahr 2020 fast die Hälfte (48 Prozent) der weltweiten Nachfrage nach Automobilen aus den Schwellenländern kommen. Im vergangenen Jahr lag dieser Anteil bei weltweit verkauften 57,6 Millionen Pkw noch bei gut einem Drittel (35,8 Prozent).

"Während die etablierten Märkte stagnieren, kommt das große Wachstum aus den neuen Märkten", so Dudenhöffer. Rund 90 Prozent des weltweiten Wachstums im Automobilgeschäft werde bis zum Jahr 2020 in den neuen Märkten erwartet. Dabei werde das Segment der Autos zum Preis von bis zu 5000 eine zunehmend wichtige Rolle spielen. "Das Kräfteverhältnis der Branche wird sich verschieben", so Dudenhöffer.

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