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Der Aufschwung schwächt sich ab, an eine harte Landung glaubt Michael Heise aber nicht.

Spannungen zwischen USA und China

Experte erklärt: Diese Auswirkungen hätte ein Handelskrieg auf Deutschland

Bei dem seit Jahren anhaltenden Wirtschaftsaufschwung in Deutschland mehren sich nach Einschätzung führender Forscher die Risiken.

München - Wir sprachen über die Gefahr eines Handelskrieges, die Verfassung Europas und die konjunkturellen Aussichten mit dem Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise.

Wir haben derzeit in Syrien einen militärischen Konflikt, in den die beiden Großmächte USA und Russland involviert sind. Wie gefährlich ist das für die Weltwirtschaft?

Michael Heise: Die militärischen Auseinandersetzungen in Syrien gehören mit Sicherheit zu den großen Risiken. Bislang ist eine direkte Konfrontation der Großmächte vermieden worden, deshalb war die Reaktion an den Finanzmärkten bislang sehr verhalten. Fast schon erstaunlich. Aber die Risiken sind da, und die Finanzmärkte werden sie nicht auf Dauer zur Seite schieben können. Die Zeit, in der es trotz aller Schocks immer nur nach oben ging, dürfte allmählich zu Ende gehen. Die Empfindlichkeit an den Finanzmärkten wird steigen.

Warum?

Weil wir eher am Ende des Konjunkturzyklus stehen. Solange die Wirtschaft kräftig nach oben ging, sagten sich viele der Akteure: Politik ist die eine Sache, Wirtschaft die andere. Doch bei einer Abflachung des wirtschaftlichen Wachstums wird wieder stärker auf die politischen Risiken geachtet.

Nach den militärischen Aktionen der USA in Syrien hob man an den Finanzplätzen darauf ab, dass es glücklicherweise nicht schlimmer gekommen ist. Mit dieser unglaublich optimistischen Sicht der Dinge ist es jetzt vorbei?

Optimismus ist in Bezug auf die geopolitischen Risiken sicher nicht angebracht. Vor allem können sich politische Konflikte über den Ölpreis auf die Wirtschaft übertragen. Er ist eine Kenngröße, die die wachsenden Spannungen anzeigt. Wenn die Opec bei Förderkürzungen bleibt, der Iran seine Ölproduktion nicht voll auf den Markt bringen kann und auch Russland durch Sanktionen eingeschränkt wird, kommt es zu einer Angebotsverknappung. Auch Instabilitäten im Nahen und Mittleren Osten übertragen sich über den Ölpreis.

Heise erklärt Gefahren eines steigenden Ölpreises

Warum ist ein steigender Ölpreis so gefährlich?

Er bremst die Konjunktur und heizt gleichzeitig die Inflation an. Energie und Waren werden teurer, es kommt zu Kaufkraftverlusten, deshalb wollen die Leute höhere Löhne zum Ausgleich, die Kosten für Unternehmen steigen, die Gewinnmargen geraten unter Druck. Die Folgen sind sehr weitreichend.

Manche sehen den Ölpreis schon in Richtung 100 Dollar marschieren. Sie auch?

Einem Ölpreis von 100 Dollar müsste schon ein extrem konfliktreiches politisches Szenario zugrunde liegen.

Der aktuelle Ölpreis von rund 70 Dollar ist noch verträglich?

Ja, der ist verkraftbar. Ab 90 Dollar werden wir deutliche Spuren in den allgemeinen Preissteigerungen sehen. Ich würde sagen, ein halber Prozentpunkt mehr in der Inflationsrate. Dann wären wir im Euroraum über zwei Prozent, in den USA bei drei Prozent. Da könnte die Geldpolitik nicht mehr untätig bleiben. Die Zinserwartungen am Markt würden steigen. Da wir uns ohnehin in einer Spätphase des Konjunkturzyklus befinden, könnte die Wirtschaft deutlichen Schaden erleiden.

Ein steigender Ölpreis kann die Konjunktur abwürgen. Gleichzeitig heizt er die Inflation an. Beides kann man am Ende eines Konjunkturzyklus nicht gebrauchen, meint Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz in München. 

Wie nah genau ist das Ende des Konjunkturzyklus? Und was droht danach?

Ich würde sagen, wir haben noch nicht fünf vor 12, sondern eher halb elf im Konjunkturzyklus. Die USA sind ein bisschen weiter, da ist es vielleicht schon halb 12. Die Eurozone hinkt den USA hinterher, was zum Beispiel den Arbeitsmarkt oder die Kapazitätsauslastung angeht. Deshalb wird der Aufschwung bei uns noch etwas anhalten.

„Unwägbarkeiten, die zu Rückschlägen führen können“

Also über 2018 hinaus?

Ja. Wenn es nicht zu einer Eskalation der politischen Konflikte zwischen Ost und West kommt, wird der Aufschwung sich noch bis 2019 fortsetzen. Wir haben noch nicht die Überhitzungen in Europa, die einen Aufschwung normalerweise abrupt beenden.

Sehen Sie ein Rezessionsrisiko?

Eine scharfe Abwärtsbewegung erwarte ich derzeit nicht. Es wird eine Abflachung geben von einem sehr hohen Niveau aus. Aber es gibt natürlich viele Unwägbarkeiten, die zu heftigeren Rückschlägen führen können: Weitere Zunahme der Instabilität im Mittleren Osten, die Möglichkeit einer Konfrontation der Großmächte, geopolitische Konflikte in Asien und das große Risiko des Protektionismus. Letzteres kann sich zu einem Handelskrieg hochschaukeln, auch wenn niemand das wollen kann. Das kann eine gute Konjunkturlage rasch beenden.

Wie berührt uns derHandelskonflikt zwischen China und den USA?

Das ist für uns extrem wichtig. Wenn sich unsere beiden wichtigsten Handelspartner gegenseitig selbst erheblich schwächen, tangiert das gerade uns Deutsche als Profis im Export.

Kann man denn beziffern, wie sehr das Europa schaden würde?

Wir haben versucht, das auszurechnen. Bei einem Szenario, in dem die Zölle in den USA auf durchschnittlich 12 Prozent angehoben werden und in der Welt auf 16 Prozent, würden wir in Europa über zwei Jahre bis 2019 zwei Prozent an Wachstum verlieren. Eine ziemlich miese Entwicklung, die uns so ein Handelskrieg einbringen würde.

Trump gilt als kalkulierbar

Apropos Berechnungen, wie schlimm ist es für einen Ökonomen, dass die Welt heute so unberechenbar geworden ist?

Das macht unser Leben nicht gerade leichter. Wir sind öfter mal überrascht. Es gibt aber durchaus Fixpunkte. Bei US-Präsident Trump zum Beispiel gibt es als Konstante, dass er – meistens ideologiefrei – den Vorteil für die USA sucht. Das zumindest ist kalkulierbar.

Dann müsste sich ja auch die Erkenntnis durchsetzen, dass ein Handelskrieg auch den USA schadet?

Ja. Das glaube ich tatsächlich. Gleichwohl wird man über Ungleichgewichte im Welthandel reden müssen. Es ist ja wirklich so, dass die Importzölle auf US-Autos seitens der EU bei zehn Prozent und damit deutlich über den US-Zöllen liegen. Da amerikanische Autos in Europa ohnehin kaum wettbewerbsfähig sind, könnte man diesen Zoll auch ganz abschaffen. Nach den Regeln der WTO müsste man das dann allerdings auch für japanische oder koreanische Autos tun. Und da sieht es dann schon wieder anders aus.

Glauben Sie, die US-Strafzölle für europäische Autos kommen?

Das kann sein. Wenn Europa zum Beispiel die Digitalsteuer einführt – was ich grundsätzlich für sinnvoll hielte, weil auch die großen US-Datenkonzerne hier Steuern zahlen sollten –, dann könnte Trump das als aggressiven Akt gegen amerikanische Unternehmen betrachten und im Gegenzug die Zölle auf europäische Autos erhöhen.

Lesen Sie auch: Wegen Trump: EU beeilt sich bei zwei Handelsabkommen

Was würde die EZB denn tun, wenn die Inflation deutlich über zwei Prozent steigt?

Dann kann sie nicht mehr bei dieser ultra-expansiven Geldpolitik bleiben. Sie hat ja bisher keinen Zeitpunkt genannt, wann sie die wirklich kontraproduktiven Negativzinsen für Banken wieder abschaffen und eine Zinswende einleiten will. Sie hat nur die Reihenfolge genannt: Erst will man die Anleihenkäufe reduzieren und stoppen, dann die Leitzinsen erhöhen.

Das wäre doch nicht schlecht. Die meisten Ökonomen sagen, dass es Zeit wird, die Geldschwemme endlich zu beenden.

Das stimmt. Eine Wende ist überfällig. Für Deutschland wäre das auf alle Fälle gut. Stichworte: Höhere Zinseinkommen der Sparer, bessere Entwicklung der Altersvorsorge, geringere Immobilienpreissteigerungen.

Und was wäre mit hoch verschuldeten Ländern in der Euro-Zone? Sehen Sie nicht die Gefahr, dass die Schuldenkrise zurückkehrt?

Nein. Sicher nicht aufgrund einer Normalisierung der Geldpolitik. Im Moment sind die europäischen Länder ganz gut unterwegs, was die Reduzierung der Defizite angeht. Natürlich kann man sich immer wünschen, dass die Konsolidierung noch schneller ginge in so einer guten Konjunkturlage. Dennoch: Die Erfolge sind sichtbar, während andere Länder, insbesondere die USA, neue Schulden anhäufen, obwohl die Konjunktur gut läuft.

„Nicht klug, sich jetzt von Aktien zu verabschieden“

In den USA kommen neue Schulden von der angekündigten Steuersenkung und den Infrastrukturprojekten.

Ja, da wird die Nachfrage durch den Staat noch zusätzlich angeheizt. Aktuell scheint es so, dass sich alle Sektoren in den USA immer weiter verschulden. Und das mitten in der Hochkonjunktur. In so einer Zeit ein staatliches Defizit von 4,5 Prozent zu risikieren, ist gegen jedes Lehrbuch – und mündet logischerweise in einem riesigen Leistungsbilanzdefizit. Wenn die Amerikaner das senken wollen, müssen sie eben ihre staatlichen Ausgaben und die Neuverschuldung reduzieren.

Zum Schluss noch eine Frage, die viele Kleinanleger bewegt: Wie soll ich angesichts dieser Gemengelage mein Geld investieren?

Es wäre auf jeden Fall nicht klug, sich jetzt von Aktien zu verabschieden. Wir haben kräftige Kurssteigerungen an den Aktienmärkten gesehen, trotzdem sind die Bewertungen noch nicht überzogen. In den USA sind Aktien deutlich teurer als in Europa, aber auch dort sind sie noch nicht in Regionen, wo man schon die nächste Krise absehen könnte. Es fehlt auch in den USA der euphorische Überschwang, der meist am Ende eines Booms steht. Gerade jetzt, wo die Kurse ein bisschen nach unten gerutscht sind, sollte man nicht aussteigen.

Aber umschichten vielleicht?

Nicht unbedingt. Allerdings gehe ich schon davon aus, dass die USA, auch was die Finanzmärkte angeht, in der Entwicklung vorauseilen. Das spricht für ein Aktienengagement in Europa. Der europäische Markt ist nicht so dynamisch wie der amerikanische, dafür stetiger und breiter aufgestellt. Das verspricht mehr Stabilität. In Europa ist man immer noch gut investiert.

Interview: Corinna Maier, Sebastian Hölzle

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