Experten befürchten Siegel-Dschungel

Neues EU-Bio-Logo: - Qualitätsstandards werden verwässert und Verbraucher verunsichert - diese Gefahren sehen Agrarpolitiker und Verbraucherschützer bei dem neuen Eu-weit gültigen Bio-Siegel. Kritisiert wird vor allem, dass Bio- und Öko-Produkte künftig Spuren gentechnisch veränderter Pflanzen enthalten dürfen, ohne dass es auf der Packung steht.

München - Alle Bio-Produkte in der Europäischen Union müssen ab 2009 mit einem einheitlichen Siegel gekennzeichnet sein. Damit versehen werden Waren wie Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau sowie Produkte, deren Inhaltsstoffe zu mindestens 95 Prozent biologisch hergestellt wurden. Mit dem Einheits-Emblem wollen die Agrarminister, die jetzt eine Neufassung der EU-Öko-Verordnung beschlossen haben, mehr Transparenz für den Verbraucher erreichen. Kritiker befürchten allerdings, dass der Kunde dadurch noch mehr verunsichert wird, da künftig zahlreiche Produkte mehrfach ausgezeichnet werden können. Denn entgegen erster Überlegungen dürfen nationale Qualitätssiegel wie das sechseckige deutsche Signet und Zeichen von Ökolandbau-Verbänden wie Bioland und Demeter weiterhin bestehen bleiben. Im Kreuzfeuer der Kritik steht zudem, dass eine gentechnische Verunreinigung bis zu einer Höhe von 0,9 Prozent, beispielsweise durch Pollenflug, mit dem neuen Siegel auch bei Bio-Produkten ausdrücklich zugelassen ist.

Susanne Moritz, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bayern, ist der Ansicht, dass das neue Signet für Bio-Kunden keine Erleichterung bringt. "Man muss künftig auf jeden Fall mehr Aufklärungsarbeit leisten", meint die Ökotrophologin. Dem Schwellenwert für Gen-Spuren in Bio-Lebensmitteln steht Moritz allerdings nicht völlig negativ gegenüber: "Bisher gab es gar keine Regelung zu unbeabsichtigten Verunreinigungen." So argumentiert auch die Kommission: Bei Bio-Produkten könnten derzeit die Gen-Spuren viel höher sein, ohne dass die Bio-Kennzeich-nung entzogen würde. Der 0,9-Prozent-Schwellenwert gilt auch für konventionelle Lebensmittel. Das Europaparlament konnte sich mit einer Forderung nach einem niedrigeren Wert von 0,1 Prozent nicht durchsetzen.

Bio-Bauern haben Angst um Kunden

Unter bestimmten Voraussetzungen sollen in Bio-Produkten künftig auch Vitamine oder Enzyme zugelassen werden, die aus genetisch modifizierten Bakterien gewonnen wurden, aber nicht selbst verändert sind. Diese Richtlinie kann die Ernährungsexpertin Susanne Moritz nicht nachvollziehen. "Anders als die Gen-Spuren, die möglicherweise unbeabsichtigt an die Bio-Ware gelangen können, kann der Erzeuger diese Vitamine oder Enzyme vermeiden." Ebenso verhält es sich mit chemisch-synthetischen Pestiziden, für die die klaren Verbotsvorschriften aufgehoben werden sollen.

Vor allem Bio-Bauern, die in ökologischen Anbauverbänden organisiert sind, fürchten nun um Kunden. Da die Richtlinien der Verbände über die der EU hinausgehen, ist die Erzeugung aufwändiger und die Produkte oft teurer. "Die Verbände haben sehr gute Stammkunden, die die Qualitätsunterschiede kennen", sagt Moritz. Doch vor allem Neukunden, die noch keine Orientierung in dem Siegel-Dschungel hätten, würden möglicherweise zu den billigeren Produkten greifen. Wie das neue EU-Zeichen aussehen soll, steht noch nicht fest.

Die Richtlinien der Verbände gehen oft über die EU-Kriterien hinaus

Zahlreiche Bio-Siegel prangen derzeit auf den Verpackungen von Öko-Lebensmitteln und vor allem Neukunden können dadurch oft die Orientierung verlieren. Auf dem Markt gibt es derzeit unter anderem diese Signets:

Das EU-Öko-Siegel kennzeichnet seit März 2000 Produkte aus biologischer Landwirtschaft oder ökologischem Landbau. Erzeuger können dies auf freiwilliger Basis verwenden, wenn Kontrollen ergeben haben, dass ihre Wirtschaftsweise und ihre Erzeugnisse den einschlägigen EU-Vorschriften entsprechen. Die Produkte müssen zu mindestens 95 Prozent bio sein. Genetisch veränderte Organismen und daraus hergestellte Produkte dürfen nicht verwendet werden. In Deutschland wird das EU-Siegel wegen des größeren Bekanntheitsgrades des staatlichen deutschen Siegels und der Logos der ökologischen Anbauverbände bisher wenig verwendet, während es sich in anderen Mitgliedsstaaten der EU stärker durchgesetzt hat.

Das Deutsche Bio-Siegel ist ein sechseckiges grünes Symbol mit der Aufschrift Bio nach EG-Öko-Verordnung. Dieses kennzeichnet über 34 000 Lebensmittel, die der europäischen Öko-Verordnung entsprechen. Beim Anbau dieser Produkte oder Zutaten dürfen keine chemischen Dünger oder Gentechnik eingesetzt werden. Tiere dürfen keine Antibiotika oder leistungsfördernde Medikamente erhalten und müssen artgerecht gehalten werden. Die Lebensmittel dürfen nicht bestrahlt werden.

Symbole der Verbände: In Deutschland gibt es acht Verbände, zu denen sich Bio-Bauern zusammengeschlossen haben. Diese heißen Biokreis, Bioland, Biopark, Demeter, Ecoland, Ecovin, Gäa und Naturland. Die Richtlinien dieser Verbände gehen in vielen Punkten über die Kriterien der Europäischen Union hinaus. So ist zum Beispiel der Einsatz konventioneller Gülle verboten. Zudem kommt der größte Teil der Zutaten von Verbandsmitgliedern, die fast alle in Deutschland zu Hause sind. Auch bei Anbau und Erzeugung gibt es Unterschiede zu EU-Bio-Produkten. So ist bei Fleisch und Wurst Nitritpökelsalz meist nicht erlaubt, das synthetische Vitamin C Ascorbinsäure ist ebenso überwiegend verboten. Das Verdickungsmittel Carrageen ist grundsätzlich nicht zugelassen.

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