Experten raten zum "Aussitzen"

München - Der Kurseinbruch beim Münchner Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate hat viele Anleger geschockt. Seit Jahresbeginn ist der wichtigste deutsche Börsen-Gradmesser, der Dax, um sieben Prozent gefallen. Experten sehen trotzdem keinen Grund zu größerer Besorgnis.

Das neue Jahr hat eine Trendfarbe an den Börsen gebracht: Rot. Ob USA, Japan oder Deutschland - überall dominieren rote Zahlen auf den Kurstableaus. "Das Thema Kreditkrise belastet die Märkte", erklärt Christoph Hott, Investment-Stratege beim Bankhaus Sal. Oppenheim. Dabei handele es sich auch um eine Vertrauenskrise. Nach Milliarden-Belastungen, die zahlreiche Unternehmen im Zuge der US-Immobilienkrise meldeten, bestehe Verunsicherung. "Viele fragen sich: Was kommt noch?" Es gebe Befürchtungen, dass es zu einer Kreditklemme in den USA kommen könnte, die den Firmen die Finanzierung erschwert, und zu einer Schwächung des privaten Konsums führt. Beides würde die Konjunktur belasten.

"Die anhaltende Unsicherheit über die Konjunkturentwicklung in den USA schürt Rezessionsangst", sagt der Chefvolkswirt der Postbank, Marco Bagel. Mit Besserung rechnet Hott erst in einigen Monaten. Allerdings befände man sich bereits in der Phase der Bereinigung. "Wir gehen nicht von einer Rezession in den USA aus. Und sobald eine Entspannung der Kreditkrise einsetzt, können die Märkte nach vorne schauen." Bis zum Jahresende erwartet Sal. Oppenheim den Deutschen Aktienindex bei 8600 Punkten, etwa 15 Prozent höher als zurzeit. Hott rät Anlegern, die "Position zu halten und zu warten, bis das Thema abklingt".

Auch Postbank-Chefvolkswirt Bagel ist "über das erste Halbjahr hinaus positiv gestimmt". Zwar könne es vorerst Rückschläge bis auf ein Niveau von etwa 7400 Punkten im Dax geben. Doch bis zum Jahresende sieht er den Index bei rund 9000 Punkten. Anlegern, die an der Börse investiert sind, könne man zum "Aussitzen" der turbulenten Zeiten raten.

Nach dem Börsensturz der Hypo Real Estate (HRE) prüfen Kanzleien und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), ob Aktionäre Schadensersatzansprüche gegen die Unternehmensführung geltend machen können. "Es ist überraschend, dass der Vorstand bei jeder Gelegenheit betonte, man sei von der US-Immobilienkrise nicht betroffen, und dann plötzlich hohe Wertberichtigungen vornimmt", sagte DSW-Anwalt Carsten Heise. Am Dienstag hatte der Immobilienfinanzierer wegen der US-Immobilienkrise völlig unerwartet einen Gewinneinbruch eingestanden. Die Aktien büßten darauaufhin ein Drittel ihres Werts ein. Noch im November hatte die Bank erklärt, sie sehe sich von den Turbulenzen am Kapitalmarkt kaum betroffen.

Viele Marktteilnehmer glauben, dass die Belastungen länger vorherzusehen waren. Die Juristen ermitteln deswegen, ob das HRE-Management gegen Publizitätspflichten verstoßen hat. Dies wäre der Fall, wenn es eher von Risiken gewusst und die Öffentlichkeit nicht mit einer Ad-hoc-Mitteilung informiert hätte. Noch ist das allerdings unklar: "Bei der gegenwärtigen Informationslage ist es sicherlich noch zu früh, über rechtliche Schritte zu entscheiden", sagt Carsten Heise. Er rät deswegen davon ab, voreilig den Klageweg zu beschreiten - zumal die Verjährungsfrist bis zu drei Jahre beträgt.

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