Sharon Bowles ist britische Vorsitzende des EP-Währungsausschusses.

Expertin: „Dem Euro droht das Scheitern noch vor Weihnachten“

München - Über die Euro-Krise und den EU-Gipfel sprachen wir mit der Vorsitzenden des Währungsausschusses im Europäischen Parlament, der Britin Sharon Bowles. Sie erregte Aufmerksamkeit mit ihrer Äußerung, der Euro könnte noch vor Weihnachten scheitern.

Wie kommen Sie zu dieser dramatischen Sicht?

EU-Währungskommissar Olli Rehn hat erklärt, es blieben nur noch zehn Tage, um den Euro zu retten. Andere Experten sagen Ähnliches. Als ich diese Bemerkung machte, versuchte ich dem Publikum in meinem Heimatland die Dringlichkeit des Problems deutlich zu machen: Wenn die EU-Mitgliedstaaten, das Vereinigte Königreich eingeschlossen, nicht rasch Lösungen präsentieren, droht das Ableben des Euro noch vor Weihnachten. Es liegt im britischen Interesse, alles zu tun, um den Euro zu retten, doch noch immer ist nicht jedem in Großbritannien der Ernst der Lage bewusst.

Wie kann der heute beginnende EU-Gipfel dieses Scheitern verhindern?

Ein Scheitern kann verhindert werden, wenn sich die europäischen Führer auf ein umfassendes, detailliertes Konzept einigen. Nie war ein striktes, entschiedenes Handeln bis ins Detail dringender als jetzt. Ich stimme Kanzlerin Merkel zu, wenn sie eine Einigung aller 27 EU-Staaten fordert, notfalls über Vertragsänderungen. Zunächst müssen sich die EU-Staats- und Regierungschefs aber grundsätzlich darüber einigen, wie es weitergehen soll. Die Finanzmärkte erwarten vom Gipfel Klarheit. Dazu gehört, dass man die bisherigen Beschlüsse konsequent umsetzt. Ebenso, dass die Staatshaushalte strenger überwacht und automatische Sanktionsmechanismen bei Regelverstößen beschlossen werden.

Sie warnen, wenn der Euro scheitert, wird auch die EU insgesamt binnen sechs Monaten auseinanderbrechen. Wieso das?

Wie beim berühmten Struwwelpeter können abschreckende Warnungen helfen, das Schlimmste zu verhindern. Der Euro ist fundamental für die EU, es ist unsere Währung – einschließlich jener Länder, die ihm erst noch beitreten wollen und jener wie Großbritannien, die sich anders entschieden haben. Der Euro geht uns alle an. Ein Scheitern des Euro – ich hoffe, es kommt nie dazu – wäre ein ungeheurer Schock für das europäische Projekt – ökonomisch wie politisch. Dann würden sich noch mehr Menschen gegen die EU stellen. Genau das wäre aber ein Desaster, weil wir ja selbst nach einem Scheitern des Euro im gemeinsamen Binnenmarkt weiter zusammenarbeiten müssten, um Wachstum und Stabilität wiederherzustellen. Leider kenne ich viele, die die EU oder die Mitgliedschaft einiger Staaten infrage stellen. Ich kämpfe in Großbritannien leidenschaftlich für die europäischen Ideale und Institutionen – auch gegen gelegentliche Widerstände meiner eigenen Regierung.

Interview: Alexander Weber

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