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Raus aus Facebook – und dann wohin? Für alle, die sich an den AGBs, Datenschutzproblemen oder den Facebook-Richtlinien stören, gibt es Alternativen – die allerdings weniger Nutzer und oft eingeschränkte Kommunikation bieten.

Wechsel von sozialen Netzwerken

Facebook-Konto löschen oder Anbieter-Wechsel? So einfach geht‘s bald

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Wer sich über Facebook ärgert, kann sein Konto kündigen – bald haben Nutzer aber auch das Recht, mit ihren Nutzerprofilen zu anderen Anbietern umzuziehen. Die neue Datenschutzgrundverordnung der EU macht das möglich.

München - Vom Strom- oder Mobilfunkvertrag kennen viele Bundesbürger das Verfahren schon. Wer die Firma wechseln will, zieht einfach zur Konkurrenz um. Bald soll man ähnlich einfach auch das soziale Netzwerk, den E-Mail-Provider oder den Messengerdienst wechseln können. Das ermöglicht die neue Datenschutz-Grundverordnung der EU, die in wenigen Wochen in Kraft tritt. Wegen des aktuellen Datenskandals dürfte dies vor allem Facebook-Nutzer interessieren. 

50 Millionen Nutzerkonten oder mehr – so viele persönliche Datensätze des sozialen Netzwerks soll die britisch-amerikanische Firma Cambridge Analytica ohne Einverständnis der Kunden ausgewertet haben, um die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und die Anti-EU-Kampagne in Großbritannien zu unterstützen. Wie am Montag bekannt wurde, ermittelt inzwischen die US-Handelsbehörde FTC gegen Facebook.

Wechsel von Facebook zu anderem Anbieter ab 25. Mai möglich

Bisher haben Facebook-Nutzer, die die Praktiken des kalifornischen Konzerns kritisieren, keine Chance umzuziehen. Das ändert sich am 25. Mai: „Dann müssen sogenannte Datenverarbeiter ihren Kunden auf deren Wunsch die persönlichen Daten zur Verfügung stellen und ihnen den Wechsel zu anderen Anbietern ermöglichen“, sagt Christine Steffen, Juristin der Verbraucherzentrale NRW. Der Artikel 20 der Datenschutzgrundverordnung regelt die Datenübertragbarkeit. Jeder hat das Recht, seine Daten „in einem strukturierten, gängigen und maschinenlesbaren Format zu erhalten“ und „sie einem anderen ohne Behinderung zu übermitteln“. Das gilt nicht nur für soziale Netzwerke, sondern auch für andere Datenverarbeiter wie E-Mail-Provider, Foto-Plattformen und Kfz-Versicherungen.

Wenn sie wechseln wollen, können Nutzer das von Facebook künftig verlangen. Im jeweiligen Profil sollte es dafür einen leicht auffindbaren Befehl geben. Für die Identifikation als Besitzer des Profils werden beispielsweise die persönliche E-Mail-Adresse und das Passwort ausreichen. Solche Details sind allerdings noch nicht klar, sagt Steffen.

Nach Daten-Skandal: Das verspricht Facebook Justizministerin Barley

Im nächsten Schritt muss das soziale Netzwerk den wechselwilligen „Nutzern, alle diejenigen Daten als Kopie zur Verfügung stellen, die diese selbst dem Verarbeiter bereitgestellt haben“, sagt Dirk Hensel, Sprecher der Bundesdatenschutzbeauftragten Andrea Voßhoff. Darüber, welche das genau sind, wird es Debatten geben. Klar erscheint, dass jeder die Daten erhalten muss, die er oder sie selbst eingetragen hat – beispielsweise alle Infos in der sogenannten Timeline (der Facebook-Biografie), alle eigenen Nachrichten, Fotos, Kommentare und Likes. Ob auch die Reaktionen und Antworten der Freunde dazugehören, ist fraglich. Das werde sich ebenfalls erst später im Umgang mit der Verordnung klären, meint Steffen.

Facebook ist verpflichtet, die Daten so zu verpacken, dass andere Anbieter sie in ihre Systeme einbauen können. Wobei „die portierten Daten beim Datenverarbeiter nicht automatisch gelöscht werden“, wie Hensel erklärt. Das zur Konkurrenz übertragene Profil existiert bei Facebook also weiter.

Finale Kündigung

Eine finale Kündigung macht Facebook seinen Kunden alles andere als einfach. Experten raten Kündigungswilligen, zunächst die Liste ihrer Kontakte auf Personen hin zu überprüfen, die sie tatsächlich nur über Facebook erreichen können – und diese Kontakte entsprechend zu informieren. Zweiter Schritt ist das Sichern der eigenen Facebook-Daten, das im Hauptmenü unter „Einstellungen“ mithilfe der Option „Lade eine Kopie deiner Facebook-Daten herunter“ funktioniert. (Hier erfährt man auch, was Facebook eigentlich alles über einen weiß.) 

So können Ex-Facebook-Nutzer ihre Beiträge und Fotos bei Bedarf später vom eigenen Rechner abrufen. Unter „Einstellungen => Konto verwalten“ lässt sich die Mitgliedschaft nur vorübergehend deaktivieren – eine Schein-Kündigung. Denn wer rückfällig wird und sich mit seinen bisherigen Daten wieder bei Facebook einloggt, reaktiviert damit sein Konto.

Das endgültige Löschen der Mitgliedschaft klappt über diesen gut versteckten Link: facebook.com/help/delete_account. Laut Facebook dauert es bis zu 90 Tage, bis die Daten final gelöscht sind. Eine Garantie, dass Bilder oder Texte danach nie mehr irgendwo im Netz auftauchen, gibt es nicht.

Alternativen

Bleibt die Frage, wohin man nach dem Abschied von Facebook geht. Oft sind das Netzwerke mit  weniger Nutzern. Das „pc-Magazin“ hat Alternativen zusammengestellt.

Twitter: Das soziale Netzwerk Twitter ist um Kurznachrichten mit 140 Zeichen aufgebaut. Diese können öffentlich, aber auch privat versendet werden. Mittlerweile wurden auch Funktionen integriert wie Gruppen und Videos.

Pinterest: Mit Pinterest können Nutzer Fotos, Artikel, Orte und mehr in Sammlungen „festpinnen“ sowie den Sammlungen anderer Nutzer folgen. Aber Vorsicht: Anwälte warnen vor möglichen rechtlichen Konsequenzen durch das unberechtigte Teilen von urheberrechtlich geschützten Bildern.

Google+:Google Plus punktet vor allem mit Themen-Communities und detaillierten Teilen-Funktionen. Im Gegensatz zu Facebook werden auf dem sozialen Netzwerk des Suchmaschinenanbieters keine Werbeanzeigen eingeblendet.

Nebenan:Lokal begrenzt ist das Nachbarschaftsnetzwerk Nebenan.de. Hier können Nutzer mit anderen Bewohnern aus der Umgebung in Kontakt treten. Auch einen Marktplatz für Kleinanzeigen gibt es. Die Inhalte des Netzwerks sind für Suchmaschinen unsichtbar und das deutsche Unternehmen legt hohen Wert auf Datenschutz.

Xing:Wer Facebook vor allem dafür nutzt, mit beruflichen Kontakten in Verbindung zu bleiben, für den kann Xing eine gute Alternative sein, um den gleichen Zweck zu erfüllen. Wer alle Funktionen des Netzwerks nutzen will, muss für eine Premium-Mitgliedschaft zahlen.

Instagram: Instagram ist ein soziales Netzwerk, das komplett auf Fotos und kurze Videos ausgerichtet ist und vor allem über Smartphone-Apps genutzt wird. Wer aus Datenschutzgründen eine Facebook-Alternative sucht, sollte sich allerdings bewusst sein, dass Instagram seit 2012 zu Facebook gehört.

Diasporawurde als offene, dezentrale Alternative zu Facebook ins Leben gerufen und ist dem Vorbild im Funktionsumfang ähnlich. Die Zahl der Nutzer ist allerdings sehr überschaubar.

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