Bei Fahrerflucht und Absicht: Verein entschädigt Verkehrsopfer

- Es nieselte, an diesem Herbsttag im Jahr 1997, der das Leben von Sebastian W. komplett verändern sollte. Er fährt im Dämmerlicht mit seinem Fahrrad nach Hause. An einer Kreuzung übersieht ihn ein Autofahrer beim Abbiegen. Es knallt, der junge Mann prallt auf den Asphalt. Als er auf der Straße wieder zu sich kommt, spürt er seine Beine nicht mehr. Der Unfallverursacher ist verschwunden.

<P>Beinahe hätte Sebastian W. ohne Schmerzensgeld mit seiner Querschnittslähmung zurechtkommen müssen. Denn für einen unbekannten Täter steht keine Versicherung gerade. Dass er später immerhin noch 500 000 Euro bekommt, verdankt er dem Verkehrsopferhilfe e.V., von dem ihm ein Bekannter erzählt hatte.</P><P>Der Verein</P><P>Der eingetragene Verein mit Sitz in Hamburg ist ein Entschädigungsfonds, der von allen deutschen Versicherungsunternehmen finanziert wird, die Auto-Versicherungen anbieten. Er wurde Mitte der 60er-Jahren ins Leben gerufen, um Lücken im Haftpflichtgesetz zu schließen. Verkehrsopfer können seitdem unter bestimmten Voraussetzungen Schmerzensgeld und Entschädigung für Sachschäden beantragen, für die sonst niemand geradestehen würde. Erstaunlich: "Manche Anwälte kennen uns noch immer nicht", sagt Rudolf Elvers, der die Einrichtung leitet.</P><P>Wer hat Ansprüche?</P><P>Anspruch auf finanziellen Ausgleich haben alle, die in Deutschland unverschuldet durch ein Kraftfahrzeug oder einen Anhänger Schäden erlitten haben. Eine Mitgliedschaft ist nicht erforderlich. Entscheidend ist aber in jedem Fall, dass eines der folgenden Szenarien vorliegt:<BR> Der Unfallverursacher kann nicht ermittelt werden, weil er Fahrerflucht begangen hat.</P><P> Das Fahrzeug des Schuldigen ist nicht oder nicht mehr versichert.</P><P> Die Haftpflichtversicherung des Verursachers tritt nicht ein, weil der Verursacher den Schaden vorsätzlich und widerrechtlich verursacht hat. Beispielsweise weil er jemanden absichtlich mit seinem Wagen überfahren wollte. Die Haftpflichtversicherung des Unfallgegners ist zahlungsunfähig.<BR>Einschränkungen</P><P>Die Verkehrsopferhilfe ist nicht zuständig für Schäden, für die Fußgänger, Radfahrer oder Inline-Skater verantwortlich sind. Auch Fälle, die sich im Ausland ereignet haben, werden nicht bearbeitet. "Es gibt aber in den meisten europäischen Ländern ähnliche Garantiefonds", sagt Rudolf Elvers. Betroffene können die Adressen bei der Verkehrsopferhilfe erfragen oder von der Internetseite  herunterladen.</P><P>Wie viel wird gezahlt?</P><P>Bei Schäden durch unversicherte Fahrzeuge oder wenn vorsätzlich gehandelt wurde, zahlt der Verein, als wäre der Schuldige mit der gesetzlichen Mindestdeckungssumme versichert. Sachschäden werden mit maximal 500 000 Euro ausgeglichen, Personenschäden mit bis zu 2,5 Millionen Euro. Beim Schmerzensgeld kommen die Geschädigten im Durchschnitt aber schlechter weg als üblich: "Es ist bei schweren Verletzungen um rund ein Drittel niedriger", sagt Rechtsanwalt Oskar Riedmeyer.</P><P>Noch strenger geht es bei Fahrerflucht zu: Blechschäden werden gar nicht ersetzt. Schmerzensgeld kriegt nur, wer dauerhaft schwere Schäden - etwa eine Querschnittslähmung - davonträgt. Elvers begründet das mit sich häufenden Betrugsversuchen.<BR><BR>Antrag stellen</P><P>Verkehrsopfer sollten zunächst bei der Verkehrsopferhilfe anrufen. Meist werden sie gebeten, ihren Fall schriftlich einzureichen. Der Verein prüft dann, ob die Ansprüche berechtigt sind - was dauern kann. "Das sind meist keine Pipifax-Fälle, da sind Ermittlungen notwendig", erklärt Claus Brandenstein vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft. Ist der Bescheid positiv, wird ein Versicherungsunternehmen beauftragt, den Fall zu regulieren. "Das geht dann meist recht schnell", sagt Oskar Riedmeyer. Im vergangenen Jahr hat die Versicherungshilfe in etwa 1300 Fällen rund 3,7 Millionen Euro ausgezahlt.</P><P>Kontaktdaten<BR>Verkehrsopferhilfe e.V.<BR>Glockengießerwall 1<BR>20095 Hamburg<BR>Telefon: 040 / 30 18 00<BR>www.verkehrsopferhilfe.de<BR></P>

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