Das Lieblingsgetränk der Deutschen: Von 100 Tassen sind drei aus fairem Handel. foto: pm

Immer mehr Kunden greifen zu

Fairtrade auf dem Weg zum Massenmarkt

München - Gerechte Löhne für Kleinbauern, keine Kinderarbeit und Projekte in Entwicklungsländern: Immer mehr Deutsche kaufen fair gehandelte Produkte.

Gemessen an den Gesamtausgaben der Bundesbürger führen Fair-Trade-Waren allerdings noch ein Nischendasein. Außerdem ist nicht alles Gold, was glänzt.

Mit Kaffee, Tee und Bananen in sogenannten Dritte-Welt-Läden fing es an – inzwischen haben Waren aus fairem Handel auch Discounter, Drogerien und die Gastronomie erobert. 42 000 Läden und mehr als 20 000 Cafés, Kantinen und Bäckereien in Deutschland bieten nach Angaben des Vereins Transfair Produkte aus dem Fairtrade-Sortiment an. Das Angebot steigt stetig. Ebenso der Absatz. Im vergangenen Jahr gaben Verbraucher für fair gehandelte Waren erstmals mehr als eine Milliarde Euro aus. 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Gemessen an den Gesamtausgaben der Bundesbürger, die Marktforscher für 2014 allein bei Lebensmitteln auf 250 Milliarden Euro beziffern, bleiben Fairtrade-Produkte allerdings ein Nischensegment. Der Branchenverband Forum Fairer Handel hat nachgerechnet: Gerade einmal 13 Euro gibt jeder Bundesbürger im Schnitt pro Jahr für fair gehandelte Produkte aus. Der Pro-Kopf-Verbrauch für fair gehandelte Textilien liegt bei weniger als einem Euro.

„Da ist noch viel Luft nach oben“, sagt Manuel Blendin, Geschäftsführer beim Forum Fairer Handel. Besonders deutlich werde das beim Lieblingsgetränk der Deutschen: Kaffee. Obwohl Kaffee das wichtigste Einzelprodukte im Bereich des fairen Handels sei, mache Fairtrade-Kaffee nur drei Prozent des gesamten Kaffee-Absatzes in Deutschland aus, sagt Blendin. „Von 100 Tassen Kaffee, die getrunken werden, sind also nur drei fair gehandelt.“

Doch was sind überhaupt fair gehandelte Produkte? Und woran erkennt man sie? Beim fairen Handel geht es vor allem darum, Produzenten und Arbeitern in Entwicklungsländern faire Preise zu zahlen, die ihre Produktionskosten decken, ihren Lebensunterhalt sichern – und noch Spielraum für Entwicklungsarbeit lassen. Neben einem festen Mindestpreis erhalten Bauern eine Prämie für gemeinnützige Projekte wie den Bau einer Schule oder einer Krankenstation. Kinder- und Zwangsarbeit ist grundsätzlich verboten.

Das Problem bei Fairtrade-Produkten: Der Begriff „fairer Handel“ ist nicht gesetzlich geschützt. „Fairer Handel liegt im Trend, deswegen schreiben das viele Hersteller gerne auf ihre Produkte“, berichtet Blendin. Die Folge: Nicht überall wo „fair“ draufsteht, ist auch wirklich ein 100-prozentig fair gehandeltes Produkt drin. Unter der Vielzahl von Fair-Trade-Labels empfiehlt Blendin eine Handvoll: das Naturland Fair Siegel, die Labels „fair for life“ und „ECOCERT Fair Trade“ sowie das Fairtrade-Siegel (siehe Kasten). Auch die Produkte der Importeure Gepa, dwp und EL PUENTE würden die Standards erfüllen, so Blendin.

Die Organisation Fairtrade Deutschland kontrolliert und vergibt das wohl bekannteste Siegel: das grün-blau-schwarze Fairtrade-Emblem. Weltweit ist das Fairtrade-Siegel am weitesten verbreitet. Über 1,5 Millionen Bauern und Arbeiter in 74 Ländern profitieren vom Fairtrade-System, heißt es bei Fairtrade International. Wie aus dem Jahresbericht der Organisation hervorgeht, gaben Verbraucher im vergangenen Jahr weltweit 5,9 Milliarden Euro für Produkte mit dem Fairtrade-Siegel aus. Davon entfielen 827 Millionen Euro auf den deutschen Markt.

Zu den absatzstärksten Produkten gehörten laut Fairtrade mit 439 000 Tonnen Bananen. Hier habe es im Vorjahresvergleich einen Anstieg von 18 Prozent gegeben. Auch bei Fairtrade-Kaffee (93 000 Tonnen) habe es im Vergleichszeitraum einen Anstieg von 12 Prozent gegeben. Das starke Absatzwachstum bei Kaffee und Bananen sei besonders auf das neue Engagement von Aldi Süd und Aldi Nord zurückzuführen, heißt in dem Bericht. Bei Kaffee spiele zudem die Einführung der Tchibo Barista Bohnen eine wichtige Rolle. Erfreulich auch die Entwicklung bei Honig: Der Hersteller Breitsamer habe seine komplette Produktreihe auf Fairtrade umgestellt, Aldi Süd habe fairen Honig fest ins Sortiment aufgenommen, lobt Fairtrade.

Auch die Verkäufe von Textilien aus Fairtrade-Baumwolle stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 120 Prozent. „Die Katastrophe 2013 in Bangladesch, als beim Einsturz einer Textilfabrik mehr als 1000 Menschen starben, haben zu einer Sensibilisierung bei den Verbrauchern geführt“, berichtet Blendin.

Seit dem Vorfall wurde eine ganze Reihe neuer Initiativen und Kontrollgremien ins Leben gerufen – unter anderem das „Bündnis für nachhaltige Textilien“ von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Das Bündnis, das soziale, ökologische und ökonomische Verbesserungen entlang der gesamten Lieferkette erreichen will, wendet sich an deutsche Produzenten, Händler, Einkäufer, Verbände und Entwicklungsorganisationen. 64 Seiten umfasste der ambitionierte Aktionsplan, der im vergangenen Jahr vorgestellt wurde. Davon fühlten sich allerdings offenbar viele Firmen überfordert; lediglich 30 traten bei. Die Verpflichtungen für die Bündnispartner wurden daraufhin weicher formuliert. Neben sozialen Aspekten und der Umweltfreundlichkeit spielt nun explizit auch die Wirtschaftlichkeit eine Rolle bei der Zielverfolgung. Die Zahl der Mitglieder stieg – nachdem die Standards verwässert wurden.

Ähnliches fürchtet Fairtrade-Experte Blendin auch in der Diskussion um ein gesetzliches Fairtrade-Siegel. Ob Textilien oder Lebensmittel: Verbraucherschützer fordern ein allgemeingültiges Label, das nur für zu hundert Prozent fair gehandelte Ware vergeben werden soll, außerdem ein Kontrollsystem – ähnlich dem Bio-Siegel der EU. Allerdings zeigt die Erfahrung: Auch beim Bio-Siegel wurden die Standards langsam verwässert – bis sich endlich alle einig waren.

Die Faire Woche ist eine Veranstaltung des Forums Fairer Handel in Kooperation mit Transfair und dem Weltladen-Dachverband. Sie steht in diesem Jahr unter dem Motto „Fairer Handel schafft Transparenz“. Die Faire Woche startet heute und dauert bis 25. September. 2000 Aktionen sind in ganz Deutschland geplant. Informationen dazu gibt es unter www.faire-woche.de

Manuela Dollinger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bericht: Catering-Tochter der Lufthansa streicht rund 2000 Jobs
Frankfurt/Main - Bei der Catering-Tochter der Lufthansa fallen einem Zeitungsbericht zufolge in den kommenden Jahren rund 2000 Jobs weg.
Bericht: Catering-Tochter der Lufthansa streicht rund 2000 Jobs
Schwache Autowerte und Brexit-Sorgen belasten Dax
Frankfurt/Main (dpa) - Brexit-Sorgen und Strafzoll-Drohungen von Donald Trump gegen deutsche Autobauer haben am Montag die Dax-Anleger verunsichert. An den Verlusten …
Schwache Autowerte und Brexit-Sorgen belasten Dax
Was Trumps Warnung für deutsche Autobauer bedeutet
Berlin/München - Kurz vor seinem Amtsantritt hat Donald Trump die deutschen Autobauer abgewatscht, namentlich BMW. Doch was bedeutet das für die Hersteller konkret?
Was Trumps Warnung für deutsche Autobauer bedeutet
Stillstand bei Tarifrunde für Geldboten
Hannover (dpa) - Bei den Tarifverhandlungen für die rund 11 000 Beschäftigten der Geld- und Werttransportbranche sind sich beide Seiten noch nicht näher gekommen.
Stillstand bei Tarifrunde für Geldboten

Kommentare