Fakten hinter den Floskeln: Lage am Arbeitsmarkt spitzt sich zu

- München - Einmal im Monat kommt der Tag, an dem jeder etwas zu sagen hat. Wenn die Bundesanstalt für Arbeit die neuen Zahlen präsentiert, überschlägt sich die Politik mit Hoffnungen, Wertungen, und Schmähungen. Die Fakten hinter den Floskeln sprechen meist eine andere Sprache. Der genaue Blick auf die Daten zeigt, dass sich auf dem Arbeitsmarkt bisher wenig bewegt, und wenn, dann oft nicht in die richtige Richtung.

<P>4,206 Millionen Menschen waren Ende September offiziell ohne Job - die tatsächlichen Zahlen liegen noch viel höher. Bestimmte Personengruppen werden von den Arbeitsämtern gezielt aus der Statistik gerechnet, um die Zahlen zu senken. So fielen innerhalb von vier Wochen 77 000 Männer und Frauen aus der Statistik, obwohl sie keinen neuen Job fanden. Dadurch ist die Summe, verglichen mit August, gesunken. Gegenüber dem Vorjahr aber haben sich die Daten dramatisch verschlechtert.</P><P>Dramatischer Anstieg bei Langzeit-Arbeitslosen</P><P>Die Zahl der offenen Stellen sank um über ein Fünftel. Insgesamt wurden in Deutschland seit Jahresbeginn 600 000 Stellen abgebaut. Gleichzeitig schoss die Zahl der Langzeitarbeitslosen um 17 % nach oben. Die Gewerkschaften schlagen bereits Alarm: Die Bundesanstalt vernachlässige Langzeitarbeitslose und setze ihre Mittel falsch ein. Tatsache ist, dass die Arbeitsämter die klassischen und oft erfolglosen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen drosseln und statt dessen mehr in aktive Vermittlung investieren. Ergebnis war ein Boom bei Existenzgründungen (Ich-AGs) und eine allmählich anlaufende Vermittlung in Personal-Service-Agenturen.</P><P>Experten erwarten trotzdem allenfalls leicht sinkende Arbeitslosenzahlen. 2004 dürften im Jahresschnitt rund 4,38 Millionen Menschen einen Job suchen, hat das Nürnberger Institut IAB errechnet. Vielleicht aber auch noch mehr, wenn die Wirtschaft nicht um die erhofften 1,5 % wächst.</P><P>Bayerns Arbeitsministerin Christa Stewens hatte vor der Wahl wochenlang von "Anzeichen für eine Trendwende" gesprochen. Nun stellt sie fest, es habe doch keine substanzielle Verbesserung gegeben: "Die Zeit für endloses Palaver ist vorbei." Gemeint ist die Bundesregierung.</P><P>"Die Wirtschaft hat ihre Ausbildungsplatz-Zusage gebrochen. Ein Skandal."<BR>DGB-Chef Michael Sommer</P><P>Ein "erfreuliches Signal" will Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement in den Daten gefunden haben. Die fünf Millionen werde man heuer nicht erreichen, sekundiert die Anstalt. "Keine Entwarnung" und "keinen guten Tag heute" sieht CDU-Chefin Angela Merkel.</P><P>Auch nicht für Bayern, wo 419 200 Arbeitslose registriert und 50 000 Stellen frei sind. Saisonbedingt sank die Quote in allen 27 Amtsbezirken. Freising mit 3,9 % bleibt Spitzenreiter - wenigstens in der Flughafenregion sank die Arbeitslosigkeit deutlich.</P><P>In Oberbayern sieht es auch auf dem Lehrstellenmarkt besser aus. Doch gilt darüber hinaus die Faustregel: je nördlicher, desto schlimmer. Bayernweit gibt es eine Lehrstellenlücke, bundesweit erst recht. Hier sind 35 000 Jugendliche ohne Ausbildungsstelle. Die Wirtschaft hat laut offiziellen Daten heuer 41 000 Lehrstellen weniger angeboten. Wirtschaft und Gewerkschaften lesen die Zahlen unterschiedlich. "Krise abgewendet", behauptet der Industrie- und Handelskammertag. "Ausbildungsversprechen gebrochen", schimpft der DGB.</P><P>Miteinander reden wollen sie nicht. Zum Spitzengespräch gestern Abend mit Minister Clement kamen zwar die Gewerkschaftsspitzen, die Chefs der vier großen Wirtschaftsverbände aber nicht: Alle vier nannten überraschend "Terminprobleme". Das wird eine Debatte um die ungeliebte Ausbildungsabgabe aber nicht verhindern.<BR></P>

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