Der Fall Mannheimer: Sicher ist nicht einmal das Ableben

- München/Mannheim - Die Lebensversicherer machen das Leben derzeit nicht lebenswerter. Überschussbeteiligungen schrumpfen, der Garantiezins rutscht - jetzt droht die erste Pleite. Das Ableben der Mannheimer Lebensversicherungs-AG treibt 345 000 Kunden und die einst steinreiche Branche um. Die Gesellschaft ist kaum mehr zu retten: Rette sich, wer kann.

<P>Die Kunden mit Lebensversicherung kommen wohl glimpflich weg. Sie müssen ihre Prämien weiter zahlen, können aber auch regulär kündigen, sagen Verbraucherschützer. Letzteres würde aber Verluste bringen. Junge Verträge, die noch kein Jahr bestehen, können unter Umständen durch einen Widerspruch gegen den Abschluss aufgelöst werden.<BR><BR>Wenn die Mannheimer zusammenbricht, greifen die anderen 120 Lebensversicherer zu. Die Protektor-Gesellschaft, registriert in München, wird alle Rechte und Pflichten übernehmen und die Verträge fortführen.<BR><BR>Protektor, ein Gemeinschaftswerk aller Lebensversicherer, hätte im Notfall nach Branchenangaben bis zu 5,2 Mrd. Euro zur Verfügung. Das fällige Versicherungskapital samt Garantiezins und zugesagtem Überschuss wäre sicher, sagt der Branchenverband GDV. Auch Kunden der privaten Krankenversicherung sollen die Altersrückstellung nicht verlieren.<BR>Protektor ist erst dran, wenn alles andere zu spät ist und die Aufsichtsbehörde Bafin die Mannheimer für insolvent erklärt. Das will der Verband noch verhindern. Ein Rettungsversuch scheiterte jedoch, weil die Branche sich nicht einigte. Nun wird auf eine Übernahme gehofft - Käufer sind jedoch nicht in Sicht.<BR><BR>Die Mannheimer hatten sich an der Börse verspekuliert. Vorstandschef Hans Schreiber trat jüngst eher unfreiwillig zurück. 370 Mio. Euro frisches Kapital sind laut GDV nötig, um seinen Scherbenhaufen notdürftig zusammenzukehren. Mittelfristig könnte die Bundesaufsicht einen Mangelverwalter für die konzernweit 1200 Mitarbeiter einsetzen.<BR><BR>Drei Stagnationsjahre und die Börsenschwäche haben auch andere Lebensversicherer mitgenommen. Aufsicht und Branche beschwören, die Firmen seien in der Substanz nicht gefährdet. Das Mannheimer-Ableben lässt daran zweifeln. Vor allem Schwächere sind unter Druck.<BR><BR>Hinter den Kulissen der (großen) Münchener Rück wird derweil geprüft und gerechnet. Mit 10 % ist man zweitgrößter Aktionär der Holding. Deren Kurs stürzte gestern um zweitweise 45 % ins Bodenlose. Jetzt wird erwägt, die Beteiligung zum 30. Juni komplett wertzuberichtigen. Die Mannheimer sei wirklich eine kleine Position, sagt Rück-Konzernsprecher Rainer Küppers. In geringem Umfang sei man zudem Rückversicherer der Mannheimer.<BR><BR>"Wir haben alles getan, was uns und unseren Aktionären zumutbar ist", sagt Küppers. Was nun? Man würde sich im Rahmen der 10 % an einer Lösung beteiligen, heißt es in München. Ein Kauf sei aber ausgeschlossen. Ähnliches sagt man auch vom Marktführer Allianz Leben. Hier ist der Katzenjammer eher gering - die Verunsicherung dürfte Neukunden zu den Branchenriesen treiben.<BR>Einen skurrilen Kollateralschaden erleidet hingegen die Hamburg-Mannheimer Versicherung, die mit der Mannheimer wirklich nur der Name verbindet: Ständig rufen irritierte Kunden an - ob das Unternehmen nun pleite sei? Die Hamburger dürfte wenigstens trösten, dass bald ein Konkurrent wegfällt.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Grüne Woche beginnt: 1650 Aussteller aus 66 Ländern
Berlin (dpa) - Die 82. Grüne Woche in Berlin öffnet an für das Fach- und Privatpublikum ihre Pforten. Am Eröffnungsrundgang der Agrarmesse nehmen …
Grüne Woche beginnt: 1650 Aussteller aus 66 Ländern
Minister: Neues Tierwohl-Siegel nicht zum Nulltarif zu haben
Agrarminister Schmidt nutzt die Bühne der Grünen Woche, um sein Tierwohl-Label vorzustellen. Es soll den Tieren, aber auch Bauern und Fleischkonsumenten helfen. Doch …
Minister: Neues Tierwohl-Siegel nicht zum Nulltarif zu haben
WLAN im Zug gefordert - Bahn verspricht stabilere Telefonate 
Berlin - Erst kostenloses Internet, bald auch Spielfilme. Die Bahn löst Versprechen für mehr Komfort beim Reisen ein - bisher aber vor allem im ICE. Jetzt muss der …
WLAN im Zug gefordert - Bahn verspricht stabilere Telefonate 
Markenrechte von Schlecker sollen verkauft werden
Düsseldorf - Schlecker will seine Markenrechte verkaufen. Das Insolvenzverfahren der Drogeriekette läuft noch. Die Verhandlungen dürften noch ein paar Jahre in Anspruch …
Markenrechte von Schlecker sollen verkauft werden

Kommentare