Der falsche letzte Wille

Wo es was zu erben gibt, ist der Ärger meist nicht weit. Beim Streit um den Nachlass tauchen immer wieder gefälschte Testamente auf. Wer eine solche Verfügung manipuliert, begeht eine Straftat. Auch wenn ein unliebsamer letzter Wille bewusst verschwiegen wird, kann das im Gefängnis enden.

„Mein Haus, mein Boot, mein Geld – alles vermache ich meiner lieben Tochter. Mein nichtsnutziger Sohn geht leer aus und muss sich mit seinem Pflichtteil begnügen.“ Der letzte Wille eines Verstorbenen ist für Angehörige nicht selten ein Schlag ins Gesicht. Der Schmach entgehen und abkassieren – das sind wohl die häufigsten Gründe, warum Testamente vernichtet oder gar gefälscht werden. Beides gilt jedoch als Straftat, auf die bis zu fünf Jahre Gefängnisstrafe stehen, heißt es beim Deutschen Forum für Erbrecht.

Als Beispiel nennt Forums-Präsident Anton Steiner den Fall des ermordeten Schauspielers Walter Sedlmayr. Mit einem gefälschten Testament habe sich der Privatsekretär Sedlmayrs damals zum Alleinerben ausgewiesen. Doch die Fälschung sei schlecht gemacht gewesen, sagt Steiner, und so sei man dem selbsternannten Erben auf die Schliche gekommen.

Verfahren, in denen es um solche Totalfälschungen gehe, seien jedoch verhältnismäßig selten, sagt der Leiter des Münchner Nachlassgerichtes, Jörg Landgraf, gegenüber unserer Zeitung. Die testamentarische Erbfolge komme nur in 20 bis 30 Prozent der Nachlassverfahren überhaupt in Betracht, das entspreche in München rund 2900 bis 3400 Fällen im Jahr. Das zeigt auch, dass die Mehrzahl der verstorbenen Münchner kein Testament hat und somit die gesetzliche Erbfolge greift. Die Behauptung, dass es sich um einen gefälschten letzten Willen handle, werde Landgraf zufolge durchschnittlich 40 bis 50 Mal im Jahr geäußert. Nur wenn der Verdacht konkret genug ist, folgen ein Gutachten und möglicherweise strafrechtliche Ermittlungen. Dabei entpuppen sich bis zu 40 Prozent der Fälle tatsächlich als Fälschung. Landgraf betont jedoch, dass Richter im Zweifel eher zu Gunsten der Echtheit entscheiden.

Schriftproben des Verstorbenen spielen beim Vergleich eine wichtige Rolle, schließlich muss ein Testament immer handschriftlich verfasst sein. Das Problem: Die Menschen schreiben immer seltener per Hand und mit dem Alter ändert sich zudem das Schriftbild. „Wenn das einzige auffindbare handschriftlich verfasste Dokument 20 Jahre alt ist, dann wird es schwierig“, sagt Fachanwalt Steiner. Schriftsachverständige gleichen bei einem Gutachten daher nicht nur das Schriftbild ab, sondern suchen auch nach anderen Manipulationshinweisen. Bleistiftspuren seien dabei ein häufiges Indiz, sagt Steiner. Da Fälscher Buchstaben gerne vormalen und diese Hilfslinien dann mit Kugelschreiber oder Füller nachziehen.

Generell gilt: Wer den Verdacht hat, dass mit einem Testament etwas nicht stimmt, sollte diese Zweifel beim Nachlassgericht melden.

Sehr viel häufiger als mit Fälschungsvorwürfen muss sich das Nachlassgericht aber mit verschwundenen Testamenten beschäftigen. Es komme durchaus vor, dass ein Verwandter in der Wohnung des Verstorbenen dessen letzten Willen entdeckt und entsorgt – etwa aus Ärger über den Inhalt, sagt Anwalt Steiner und betont, dass es sich auch hierbei um eine Straftat handelt. Laut Gesetz muss jedes gefundene Testament, dem Nachlassgericht gemeldet werden.

Der Entsorgungsgefahr entgeht, wer sein Testament direkt beim Nachlassgericht hinterlegt. Die einmalige Gebühr richtet sich nach dem Vermögen des Nachlasses. Bei 104000 Euro fallen laut Steiner 13,50 Euro an, bei einer Million knapp 390 Euro.

Oft sind Angehörige oder Bekannte der festen Überzeugung, dass es ein Testament geben müsse, weil der Verstorbene versprochen habe, sie darin zu bedenken. Die Erfahrung zeige aber, „dass die Behauptung, man habe zugunsten einer Person eine testamentarische Verfügung getroffen, von Erblassern häufig eingesetzt wird, um sich Zuwendung oder Pflege zu verschaffen“, sagt der Leiter des Münchner Nachlassgerichts Landgraf. „In den wenigsten Fällen ist aber tatsächlich ein Testament errichtet worden.“ Der letzte Wille kann in vielerlei Hinsicht eine Täuschung sein.

Stefanie Backs

Rubriklistenbild: © dpa

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