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So sahen die verschrotteten Münzen aus, bevor die Betrüger sie in China wieder zusammensetzen ließen und in Deutschland in echtes Geld zurücktauschten.

Falschgeld: Betrügerisches Münz-Puzzle

Frankfurt - Es klingt nach einem Aprilscherz: In Frankfurt hat die Polizei eine Bande hochgehen lassen, die verschrottete Euro-Münzen im Millionenwert gekauft hat und in China wieder zusammensetzen ließ. Aber wie war so ein Betrug überhaupt möglich?

Nein, ein Aprilscherz sei die Nachricht nicht, versichert man bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt. Das ist auch nötig, denn die Meldung klingt unglaublich: Eine sechsköpfige Bande aus dem Rhein-Main-Gebiet soll sich in den vergangenen Jahren rund sechs Millionen Euro ergaunert haben, indem sie eigentlich schon verschrottete Euro-Münzen kaufte und in China wieder zusammensetzen ließ. Anschließend transportierten Lufthansa-Flugbegleiter die Münzen in ihrem Gepäck wieder nach Deutschland, wo die Betrüger sie bei der Deutschen Bundesbank in Frankfurt zurücktauschten. Insgesamt soll das mit unglaublichen 29 Tonnen 1- und 2-Euro-Münzen so geschehen sein.

Inzwischen sitzen sechs Verdächtige in Haft - zwei Deutsche und vier Chinesen. Ermittlungen gegen Mitarbeiter der Bundesbank gebe es nicht, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Bei der Durchsuchung von zehn Firmen und Wohnungen stellten die Beamten neben drei Tonnen Münz-Teile auch eine Maschine zum Zusammensetzen von Münzen sicher. „Das hat uns selbst überrascht“, sagt Staatsanwältin Doris Möller-Scheu. „Bisher gingen wir davon aus, dass die Münzen nur in China wieder zusammengesetzt wurden.“ Die Ermittler konnten bei den Durchsuchungen auch eine Million Euro pfänden.

Auf die Spur der Bande kamen die Ermittler durch Banken, die ungewöhnliche Kontobewegungen mit dem Verdacht auf Geldwäsche bei der Staatsanwaltschaft angezeigt hatten. Dann gab es auch noch einen Zufallstreffer des Zolls. Ein Beamter beobachtete eine Stewardess mit ungewöhnlich schwerem Gepäck. Als er sie kontrollierte, entdeckte er Tausende Euro-Münzen. Dass die Betrüger für den Transport auf Flugbegleiter setzten, hat einen einfachen Grund: Für ihr Gepäck gibt es in der Regel kein Gewichtslimit. So fielen die Schwertransporte aus Asien zunächst nicht auf. Schon seit 2007 soll die Bande aktiv gewesen sein.

Die Bundesbank nimmt auch beschädigte Euro-Münzen gebührenfrei zurück (siehe Kasten). Der Schrott, aus dem die Münzen wieder zusammengesetzt wurden, stammt vermutlich aus dem europäischen Ausland. Denn die Bande musste offenbar nur die Münzringe und die Füllungen wieder zusammensetzen lassen. „Dass wir Ringe und Kerne trennen, machen wir in Deutschland schon seit drei Jahren nicht mehr“, sagt Andreas Henning vom Bayerischen Hauptmünzamt. Dort werden die Euro-Münzen nicht nur geprägt, sondern auch entwertet - allein 50 Tonnen im vergangenen Jahr. „Die Münzen laufen durch zwei Walzen und erhalten ein spezifisches Walzmuster“, sagt Henning. So könne man nachvollziehen, wo in Deutschland die Münzen entwertet wurden.

„Am Ende sehen die Münzen aus wie geriffelte Mohrrübenscheiben“, sagt Volkmar Kuhnert vom Verwertungsunternehmen des Bundes (Vebeg). Er muss es wissen, denn er verkauft jedes Jahr tonnenweise verschrottete Münzen. 5000 bis 10 000 Euro kostet eine Tonne Münzen. „Es gibt mehrmals im Jahr eine Verkaufsausschreibung, theoretisch kann jeder die verschrotteten Münzen kaufen“, sagt Kuhnert. Der Preis würde freilich höher ausfallen, wenn man die Materialien der Münzen vor dem Verkauf voneinander trennen würde und sortenrein verkauft. Deshalb entwerten andere Euro-Staaten Münzen offenbar, indem sie die Füllung der Münze aus dem Ring herausstanzen. Diesen Schrott haben die Betrüger offenbar gekauft und dann wieder zusammensetzen lassen. Ein durchaus lohnendes Geschäft, denn eine Tonne 2-Euro-Münzen besteht aus mehr als 117 000 Münzen - macht einen Wert von mehr als 234 000 Euro.

Die Mitglieder der Frankfurter Fälscherbande müssen nun mit einer Anklage wegen Betrugs und sogenannter Inverkehrbringung von Falschgeld rechnen. Bei der Bundesbank muss man sich allerdings fragen, ob das momentane System des Münztausches so aufrechtzuerhalten ist. Denn offenbar ist es den Betrügern gelungen, der deutschen Zentralbank mehrere Millionen gefälschte Münzen unterzuschieben - obwohl eine der Aufgaben der Bundesbank ist, Falschgeld aus dem Verkehr zu ziehen. Zur Tarnung hatten die Fälscher in die meisten Beutel mit angeblich beschädigten Münzen auch ein paar echte Euros gemischt. Die Frage, ob man aus dem Fall Lehren zieht und das System verändert, wollte die Bundesbank gestern auf Nachfrage nicht beantworten.

Philipp Vetter

So funktioniert der Umtausch von beschädigten Münzen

Bei der Deutschen Bundesbank kann man wie bei vielen anderen europäischen Zentralbanken beschädigte Münzen abgeben und bekommt den Gegenwert zurück. Was der Notenbank zum Verhängnis wurde: Größere Mengen Münzen muss man in „Safebag“ genannten Tüten abgeben, die man im Handel kaufen kann und die jeweils mit 1- oder 2-Euro-Münzen im Wert von 1000 Euro befüllt werden müssen. Die Bundesbank nimmt die Münzen dann zurück, zählt sie aber nicht, sondern ermittelt durch Wiegen den Wert der Tüte. Nur stichprobenartig sehen die Mitarbeiter die angelieferten Münzen durch. Das liege auch daran, dass man die beschädigten Münzen nur per Hand verarbeiten könne, teilt die Bundesbank mit. Denn die beschädigten und deformierten Münzen lassen sich nicht per Maschine zählen. Anschließend überweist die Bundesbank den Betrag auf das Konto des Besitzers der Münzen. Seit dem 1. Januar 2011 hat die Bundesbank ihre Regularien geändert: Inzwischen werden nur noch Münzen angenommen, die durch den „normalen Gebrauch“ beschädigt wurden. Bislang konnte man auch stark verformte Münzen, die zum Beispiel in verschrotteten Autos gefunden wurden, abgeben. Die sind nun wertlos und werden von der Bundesbank nur noch eingezogen. Eine Reaktion auf den Betrugsfall sei diese Änderung aber nicht, heißt es bei der Bundesbank, man setze eine EU-Verordnung um. Ob die zusammengesetzten Münzen aus China nach den neuen Regeln nun nicht mehr angenommen würden, wollte die Bundesbank nicht beantworten.

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