Familienförderung: Wirtschaft rät zu radikalem Wechsel

- München - Noch vor wenigen Jahren war Alter das größte Armutsrisiko in Deutschland. Heute gelten zahlreiche Familien als arm, die mehr als drei Kinder haben. Denn der Staat steuert seine Zuschüsse am eigentlichen Bedarf vorbei, weil er von einem Familienmodell ausgeht, das nicht mehr von der Realität ausgeht. Eine Analyse des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) legt nun ein radikales Umsteuern nahe.

<P>Staatliche Hilfe greift in immer weniger Fällen</P><P>Der Staat greift Familien finanziell unter die Arme. Am stärksten gefördert werden Haushalte, in denen einer - in der Regel der Vater - fürs Einkommen sorgt. Noch 1960 waren das 57,4 % der Familien, im Jahr 2000 aber nur noch 32 Prozent. Dagegen nahm die Zahl der außerehelichen Geburten dramatisch zu. Die entsprechende Quote lag 1960 bei 7,6 Prozent aller Geburten, 2000 bereits bei 23 Prozent. Fast jedes vierte Kind wächst demnach von Geburt an in einer "Rumpffamilie" auf. Tendenz mit zunehmendem Alter steigend, denn die Zahl der Scheidungen pro 1000 Einwohner stieg von jährlich 1,0 (1960) auf 2,3 (2000).</P><P>Damit greift die staatliche Hilfe für Kinder in immer weniger Fällen voll. Denn nur wenn einer verdient, kommt das Ehegattensplitting voll zum Tragen. Dies stehe "einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Weg", kritisiert das IW. Denn arbeiten beide Elternteile und verdienen annähernd gleich viel, sind sie steuerlich nicht besser gestellt als unverheiratete. Außerdem bietet Ehegattensplitting keine Vorteile für kinderreiche Familien.</P><P>Dagegen setzt die IW-Analyse auf ein Familiensplitting. "Eine Familie mit zwei Kindern zahlt dann deutlich weniger Steuern als ein kinderloses Ehepaar", so das IW. Und auch die hohe Steuerlast der bisherigen Steuerklasse V für dazuverdienende Ehepartner wäre entschärft: "Zusätzliche Einkünfte des Zweitverdieners würden dabei weniger stark besteuert, sodass für die Mütter höhere Anreize bestünden, wieder in den Job zu gehen."</P><P>Entscheidung für Kinder durch mehr Betreuung</P><P>Auch das Erziehungsgeld fördere am tatsächlichen Bedarf vorbei das Modell Alleinverdiener-Familie. 300 Euro im Monat für eine bis zu dreijährige berufliche Auszeit schießt der Staat zu. Für Frauen, die Kind und Karriere unter einen Hut bringen wollen, wird damit kein wirklich attraktives Angebot gemacht. Sie täten sich, so das IW, mit der Familiengründung nicht so schwer, "wenn die Auszeit kürzer ist und der Lebensstandard während der Elternzeit einigermaßen gesichert bleibt". Das Institut fordert in Anlehnung an positive Erfahrungen in Schweden, das Erziehungsgeld an den Nettolohn zu koppeln.</P><P>Das Festhalten an einem Gesellschaftsbild, das nicht mehr der Wirklichkeit entspricht, verschärft bereits mittelfristig die Lage der Rentenkassen. Während 1960 statistisch auf jede Frau 2,4 eigene Kinder kamen, schrumpfte diese Zahl auf 1,3 zusammen. Damit müssen in Zukunft immer weniger Erwerbstätige die Versorgung einer zunächst gleichbleibenden und dann langsam schrumpfenden Zahl von Älteren sicherstellen.</P><P>Eine wirksamere Familienförderung könnte dies lindern. Allerdings betont die IW-Analyse auch, dass mit allen Maßnahmen der Ausbau der Kinder- und Ganztagsbetreuung einhergehen müsse. "Genügend Betreuungsangebote und verlässliche Öffnungszeiten würden berufstätigen Frauen die Entscheidung für Kinder erleichtern." Frankreich, wo die Ganztagsbetreuung der Kinder seit Jahrzehnten gesichert ist, gehört zu den wenigen Industrieländern, in denen die Geburtenrate kaum gesunken ist. Sie liegt dort derzeit bei 1,9 Kindern pro Frau.</P>

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