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„Fernwärme-Kunden werden bestraft“

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Von: Matthias Schneider

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Fernwärme-Kunden in München müssen künftig sehr viel tiefer in die Tasche greifen. Die Höhe der Preissteigerung jedoch ist für den Chef einer Münchner Hausverwaltung nicht nachvollziehbar. Nicht in Ordnung findet er auch, dass diejenigen, die auf umweltschädliches Heizöl setzten, besser dastünden.

München – Nachdem die Börsenpreise für Strom und Erdgas sich 2021 stellenweise mehr als verfünffacht haben, erreichen die Kosten spätestens jetzt die Verbraucher. Besonders hart trifft es im Januar die Nutzer von Fernwärme der Stadtwerke München (SWM).

„Der Preis für Fernwärme ist seit dem ersten Quartal 2021 von rund 54 Euro je Megawattstunde (MWh) auf knapp 119 Euro je MWh gestiegen – das sind fast 120 Prozent“, erklärt Mike Winkler. Er ist Geschäftsführer der Hausverwaltung Winkler & Co., die in München etwa 4500 Wohnungen betreut.

„Unsere Aufgabe ist es nun, den wahrscheinlichen Energieverbrauch unter Berücksichtigung der Einkaufskosten neu zu kalkulieren und daraus die monatlichen Vorauszahlungen für die Bewohner der jeweiligen Anwesen abzuleiten.“

Die neuen Vorauszahlungen für Heizung und Warmwasser setzt Winklers Firma jetzt um 50 Prozent höher an als beim Jahresverbrauch 2021, in dem die Megawattstunde im letzten Quartal noch 79,70 Euro kostete: „Erstens weil wir sonst mit den zur Verfügung gestellten Vorauszahlungen in Unterdeckung geraten, und zweitens, weil der volle Aufschlag die Kunden sonst nach Jahresende trifft.“

Pro Haushalt geht es um mehrere hundert bis über tausend Euro, erklärt Winkler: „Allein die monatlichen Heiznebenkosten betragen nun etwa 2,30 bis 2,50 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche.“

Mike Winkler
Mike Winkler, Hausverwaltung © Dominik Gigler

Zwar hätte es Preiserhöhungen schon früher gegeben, doch nicht so gravierend: „In einem Jahr sind die Preise mal um ca. 35 Prozent gestiegen, aber das war auch das Maximum“, so Winkler.

Die Stadtwerke begründen die Preiserhöhung in einem Schreiben mit den gestiegenen Rohstoffpreisen: „Seit dem 1. Oktober 2021 ist der Steinkohleindex um 53,80 Prozent, der Gasindex um 22,05 Prozent, der Investitionsgüterindex um 1,15 Prozent und der Preis für das Heizöl um 7,33 % gestiegen. Die Gas-EEX-Terminmarktnotierungen sind um 83,87 Prozent gestiegen.“

Für Winkler reichen die Zahlen nicht, um die Preissteigerung nachvollziehen zu können: „Ich weiß, dass sich gerade die Gaspreise am Börsenmarkt vervielfacht haben“, aber: „Fernwärme ist ein Nebenprodukt der Stromerzeugung, wo überwiegend Erdgas, Kohle und Müll verbrannt werden. Wenn die Strompreise bereits angepasst wurden, verstehe ich nicht, weshalb sich die Preise für das Nebenprodukt mehr als verdoppeln.“ Winkler fordert die SWM auf, die Preiserhebung transparenter zu gestalten, „vor allem weil die Stadtwerke in ihrem Netzgebiet ein Monopol auf die Fernwärme haben.“

Michael Silva, Sprecher der Stadtwerke erklärt aus Betreibersicht, wie das System Fernwärme funktioniert: „Die Fernwärme wird von den SWM weitgehend im hocheffizienten und umweltschonenden Kraft-Wärme-Kopplungsprozess in den drei Münchner Heizkraftwerken gewonnen.“ Dafür kommen Restmüll, Erdgas, Kohle und Klärschlamm zum Einsatz.

Dass die Preise jetzt so stark anziehen, lässt sich laut Michael Silva auch durch Nachholeffekte erklären: „Die Fernwärmepreise sind ab Mitte 2019 bis Ende 2020 kontinuierlich um mehr als ein Drittel gesunken. Doch seit Anfang 2021 sind die Einkaufspreise für Erdgas und Kohle um bis zu 500 Prozent gestiegen.“ Da die Preise für die Fernwärme quartalsweise angepasst würden, würden später auch niedrigere Energiepreise an die Verbraucher weitergegeben.

Laut Mike Winkler ist das für Verbraucher am Jahresende nur ein schwacher Trost: „42 Prozent der Jahresheizleistung werden im ersten Quartal abgerufen“, sagt Winkler. „Unsere Kalkulation der neuen Vorauszahlungen für Heizung und Warmwasser berücksichtigt schon eine mögliche Senkung der Energiepreise im Laufe des Jahres, sonst wäre die Steigerung von 50 Prozent auch nicht auskömmlich.“

Winkler ärgert, dass es aus seiner Sicht die Falschen trifft: „Die Leute, die besonders nachhaltig und regional mit Fernwärme heizen wollten, trifft es jetzt am härtesten, während die, die ausschließlich klimaschädlicheres Heizöl in alten Heizanlagen verwenden, weitgehend verschont bleiben.“ Denn während Kraftwerke ihren großen Erdgasbedarf tagesaktuell an den Großmärkten decken müssten, könne man einen Öltank jeweils dann befüllen, wenn die Preise niedrig sind. Für Winkler ist dieser Effekt nicht mit der Generationengerechtigkeit vereinbar: „Meine Kinder gehen für den Klimaschutz auf die Straße, das kann ich ihnen nicht erklären.“

Ein Licht am Ende des Tunnels ist die neue Geothermieanlage am Münchner Heizkraftwerk Süd. Die Anlage, die sich gerade im Testbetrieb befindet, könnte die Fernwärmepreise teilweise von den Preisen an den Energiebörsen entkoppeln. Welchen Anteil sie an der Fernwärme hätte, ist jedoch noch unklar.

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