25 Jahre Deutscher Aktien-Index

Die Fieberkurve der Börse

Wer dazugehört, ist im Börsen-Olymp: Der Dax, der wichtigste deutsche Aktien-Index, wird jetzt 25 Jahre alt. Am 1. Juli 1988 legte er los – bei 1163 Punkten. Nicht alle waren damals begeistert.

Die Wehen hatten schon eingesetzt. Das Kind sollte am 1. Juli 1988 zur Welt kommen, die Eltern hatten Großes vor. Die Frage war nur: Wie sollte das Baby heißen? Erster Namensfavorit: Dai. Doch da spielte ein Pate nicht mit: „Dai“ klinge „zu japanisch“, fand Telebörsen-Moderator Friedhelm Busch, damals das TV-Gesicht der Kapitalmärkte. Man stelle sich Sätze vor wie: „Der Dai geht ab.“ Unaussprechbar. Der Börsenaufsichtsrat Manfred Zaß von der DGZ-Bank hatte die rettende Idee: Wir nehmen ein „x“ statt des „i“. Und so kam es, das der Deutsche Aktien-Index nicht „Dai“ heißt, was logisch wäre. Sondern „Dax“, was schön schnittig klingt.

25 Jahre ist das her, längst hat sich der Dax zu einem der wichtigsten Börsenbarometer der Welt gemausert. Er listet 30 führende Unternehmen, die Crème de la Crème der bundesdeutschen Wirtschaft, an der man sich orientieren kann. Anfangs zählten dazu Riesen wie Feldmühle-Nobel, Nixdorf, Hoechst. Aber früher war vieles an der Börse anders.

Davon, die Milliarden per Mausklick um die Welt zu schicken und mit Millionen Wertpapieren gleichzeitig zu jonglieren, war die Finanzwirtschaft noch weit entfernt. Auf dem Parkett ging es handfest zu. Heftig gestikulierend nahmen Händler am Telefon Aufträge entgegen, halb in hölzernen Kabinen stehend. Fünf Meter lange Leitungen zwischen Telefon und Hörer halfen, noch während des Anrufs zum Makler zu rennen, um schnell zum Zug zu kommen. Drum herum: ein Höllenlärm.

In diesen Verhau hinein platzte die Neuerung Dax, die damals zurückhaltend aufgenommen wurde. „Wer braucht schon einen jede Minute neu berechneten Index?“, moserten die ohnehin gestressten Händler. Auch sonst ging die Revolution fast unter.

Den Nachrichtenagenturen war die Nachricht vom neuen Dax nur eine kurze Meldung wert. Auch die Zeitungen verwendeten erst einmal weiter den vertrauten FAZ-Index der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Andere hatten den VWD-Index des gleichnamigen Wirtschaftsinformationsdienstes im Auge.

Der Vater des Dax dagegen hatte ehrgeizige Ziele: Rüdiger von Rosen, damals Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Wertpapierbörsen, sagte: „Der Dax soll sich zum Aktienindex schlechthin entwickeln. “ Es gelang. Aus Nachrichtensendungen ist der Dax heute nicht mehr wegzudenken.

Dax-Mutter war die Börsenzeitung. Die hatte ihren BZ-Index, aus dem der schnellere Dax hervorging. Der existierte im Grunde schon ein halbes Jahr vor seiner Geburt. Im Stillen war er für den 31. Dezember 1987 auf 1000 Punkte festgesetzt worden. Doch am 1. Juli war er schon mehr wert: Er startete mit 1163,52 Punkten. Der erste Tag verlief eher mau: Der Index verlor mehr als fünf Prozent. Börsenzeit war damals übrigens nur zwischen 11.30 und 13.30 Uhr – zwei Stunden pro Tag.

Änderungen auf dem Parkett waren Alltag. Im Herbst 1988 wurden sieben elektronische Anzeigetafeln aufgestellt, sie zeigten wichtige Kurse an. Auch der Dax-Verlauf wurde elektronisch dargestellt. Und am Eingang der Frankfurter Börse standen nun zwei Tierfiguren: ein Bulle, der steigende Kurse symbolisiert, und ein Bär für die Sinkflüge. Ab 1989 konnten Anleger dann Stop-Loss- oder Stop-Buy-Orders erteilen – also Kurse festsetzen, bei denen gekauft oder verkauft werden soll.

Das alles stammte aus den USA. Und der Dax sollte eine ähnliche Beachtung finden wie der US-amerikanische Dow Jones. Dabei sind die beiden eigentlich nicht vergleichbar. Der Dow Jones ist ein reiner Kursindex, in den nur die Kurse der Aktien einfließen. Jedes Ml, wenn ein Unternehmen Dividenden auszahlt, sinkt dessen Kurs entsprechend und damit auch der Index.

Dagegen sollte der Dax die gesamte Wertentwicklung der Aktien abbilden. Er ist deshalb ein Performance-Index. Daneben gab es immer auch einen Dax-Kursindex. Doch der liegt gerade mal bei 4200 Punkten – und wird kaum beachtet.

Immerhin 14 der 30 Dax-Platzhirsche sind – teils mit geänderten Namen – von Anfang an dabei: Allianz, BASF, Bayer, BMW, Commerzbank, Daimler, Deutsche Bank, Henkel, Lufthansa, Linde, RWE, Siemens, Thyssen-Krupp und Volkswagen. Andere mussten den Dax verlassen: Zuletzt am 24. September 2012 ein Gründungsmitglied: Der Münchner Nutzfahrzeug- und Maschinenbau-Konzern MAN, der nach der weitgehenden Übernahme durch Volkswagen zu wenig Streubesitz hatte.

Da sind die Dax-Regeln streng. Es kommt nicht auf die Unternehmensgröße an. Gemessen werden die frei handelbaren Aktien, die nicht ein Großaktionär hält. Da muss ein Dax-Aspirant zu den größten Unternehmen in Deutschland gehören. Ebenso beim Börsenumsatz. Wer in wenigstens einer der beiden Disziplinen zu weit absteigt, fliegt raus.

Nur einer kehrte je zurück – und dies sogar zweimal: Autozulieferer Continental. Er war schon beim Start dabei, stieg aber am 23. September 1996 ab – zu wenig freie Aktien. Sechs Jahre später gelang der Wiederaufstieg – diesmal für fünf Jahre. Der Übernahme-Versuch durch Schaeffler drückte den Streubesitz wieder unter die kritische Grenze. 2012 kam Conti zum zweiten Mal zurück.

Was brachte der Dax den Anlegern in 25 Jahren? Wer zu Beginn umgerechnet 1000 Euro in Dax-Werte investiert hat, kann heute über ein Vermögen von rund 7000 Euro verfügen. Voraussetzung ist, dass die ausgeschütteten Dividenden wieder angelegt wurden. Das ergibt durch alle Höhen und Tiefen des Aktienmarkts einen durchschnittlichen jährlichen Wertzuwachs von respektablen acht Prozent.

Der Dax sollte helfen, die Deutschen zu einem Volk von Aktionären zu machen. 1987, nach dem Börsenkrach und angesichts niedriger Kurse, sah er auch danach aus. Börsen-Manager von Rosen berichtete von „waschkörbeweise Aufträgen“. Die Kleinaktionäre hatten kräftig dazugekauft. Im Oktober 1988, kurz nach dem Dax-Start, gab es in der Republik 9,1 Millionen Wertpapierdepots.

Es wurden sogar noch mehr Aktionäre. 2001 verkündete das Deutsche Aktieninstitut die Rekordzahl von 13 Millionen. Doch dann platzte die Technologieblase. Scheinbar milliardenschwere Aktienpakete hoffnungslos überbewerteter Unternehmen lösten sich binnen weniger Monate in nichts auf. Der gefühlte Reichtum war dahin. Die Telekom-Aktie, die beim zweiten Börsengang 1999 noch 39,50 Euro und beim dritten Börsengang 2000 sogar 63,50 Euro gekostet hatte, stürzte ab. Heute dümpelt sie unter neun Euro dahin.

Millionen verloren ihr Vermögen und kehrten der Börse den Rücken. Inzwischen ist die Zahl der Aktionäre in Deutschland auf 8,7 Millionen gesunken. Und selbst Lebensversicherungen investieren nur noch minimale Anteile des ihnen anvertrauten Geldes in Aktien. Millionen Kleinsparer, die früher – ohne davon zu wissen – von den Börsenerfolgen der Versicherer profitierten, müssen sich heute mit mageren Zinsen bescheiden.

Dabei hätte man sogar im schlechten Börsenjahrzehnt von 2000 bis 2010 nicht nur Geld verlieren, sondern auch viele gewinnen können: Wer etwa am 12. März 2003 einstieg und bis zum 16. Juli 2007 ausharrte, strich ein sattes Plus von 267,9 Prozent ein. Das war der längste Bullenmarkt in 25 Jahren Dax-Geschichte.

Seit Anfang 2012 hat der Dax um ein Drittel zugelegt, im Mai hatte er zwischenzeitlich sein Allzeithoch von 8558 Punkten erreicht. Darüber, ob sich der Höhenflug fortsetzt, kann nur spekuliert werden. Aber darum geht es ja.

Von Martin Prem

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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