Nur Filialen in Österreich helfen Volksbanken gegen Kapitalflucht

- Der deutsche Bankenmarkt bewegt sich: Übernahme der HypoVereinsbank, das Drei-Säulenmodell wankt, die umstrittene Kontenabfrage läuft. Unsere Zeitung sprach darüber mit Stephan Götzl, Präsident des bayerischen Genossenschaftsverband.

Herr Götzl, seit April können Behörden Einblick in die Konten nehmen. Wie viele sind bei den Genossenschaftsbanken schon ausspioniert worden?

Stephan Götzl: Ich habe dazu keine Zahlen. Schlimm ist aber, dass die Menschen dadurch Vertrauen in den Staat verlieren - und auch in die Banken. Das ist ein Unding. Wir haben nachgerechnet, dass die technische Kapazität deutschlandweit auf 45 Milliarden Abfragen pro Jahr aufgerüstet wird, bei etwas weniger als 500 Millionen Konten. Da ist der Beamtenwillkür Tor und Hof geöffnet.

Was halten die Kunden von gläsernen Konten?

Stephan Götzl: Viele bringen ihr Geld offenbar ins Ausland. Laut der Deutschen Bundesbank sind allein im ersten Quartal 2005 über 150 Milliarden Euro abgeflossen, doppelt soviel wie im Vorjahr. Allein 50 Milliarden gingen nach Österreich, wo nach dem Motto "Bei uns hat das Bankgeheimnis Verfassungsrang" geworben wird. Dabei handelt es sich übrigens nicht um schwarzes, sondern weißes Geld.

Wie gehen die Genossenschaftsinstitute damit um?

Stephan Götzl: Die Banken in Berchtesgaden und Rottal-Inn haben in Österreich Zweigstellen aufgemacht. Seitdem gibt es in ihren Instituten unterm Strich keine Abflüsse mehr. Wohl aber von Bayern nach Österreich.

Es gibt Gerüchte, dass die HVB wegen der Übernahme durch Unicredit Kunden an die Volks- und Raiffeisenbanken verliert.

Stephan Götzl: Wir merken schon, dass Privat- und Firmenkunden anklopfen, weil sie mit uns als langfristigen Partner arbeiten wollen.

Die HVB bestreitet, dass es zahlreiche Wechsler gibt ...

Stephan Götzl:  ... was zum guten Ton gehört.

Wie viele sind es denn? Bei der Münchner Bank hieß es kürzlich, sie hätte der HVB nur eine Hand voll abgenommen.

Stephan Götzl: Wenn man eine Hand voll Firmenkunden mal 360 nimmt - so viele Volks- und Raiffeisenbanken gibt es in Bayern - ist das eine ganze Menge. Genaueres können wir aber noch nicht sagen.

Die Sparkassen gehen mit dem Slogan "Wir sind unverkäuflich" auf HVB-Kundenfang. Warum sind Sie nicht offensiver?

Stephan Götzl: Wir versuchen natürlich, unsere Chancen im Privatkundengeschäft zu nutzen. Aber wir wollen seriös bleiben. Damit ist es uns in den vergangenen zwei Jahren geglückt, zwei Milliarden Euro an Einlagen zu gewinnen. Wir wachsen. Und das wollen wir auch im Firmenkundengeschäft, wenn wir nächstes Jahr eine Vertriebs-Offensive starten.

Planen Sie nach dem Zusammenschluss von Münchner Bank und der Raiffeisenbank München weitere Fusionen?

Stephan Götzl: Dieses Jahr werden es weniger als 15 sein.

Das wäre eine deutliche Verlangsamung. Vor einigen Jahren hatte es noch geheißen: Wir sind zu viele!

Stephan Götzl: Es ist einiges gemacht worden, insofern sind wir beim Thema Fusionen gelassen. Ich werde keinen Druck auf die Banken ausüben, dass sie zusammengehen müssen.

Aber einige ihrer Häuser gelten als nicht sonderlich profitabel ...

Stephan Götzl: Uns geht's nicht schlecht.

Dennoch wird nach wie vor kritisiert, dass es für Gründer und kleine Unternehmen schwierig ist, an Geld zu kommen.

Stephan Götzl: Das kann ich für uns nicht bestätigen. Vielleicht ist das bei den Privatbanken so, denn die haben ihre kurzfristigen Strategiewechsel Milliarden gekostet. Vielleicht müssen sie nun mehr auf ihre Kredite achten.

In letzter Zeit wird immer häufiger am Drei-Säulen-Modell (Privatbanken, Sparkassen, Genossenschaftsbanken) gerüttelt. Was sagen die Genossen?

Stephan Götzl: Das Modell kommt nicht in Kritik, weil die zweite und dritte Säule versagt hat, sondern die erste. Und ich rate der Politik, darauf zu achten, was sie mit der zweiten Säule, den Sparkassen, macht. Den Verkauf anzutreten, nur weil die ein oder andere Kommune Finanzschwierigkeiten hat und dann eine Übernahme durch ausländische Banken zu riskieren, halte ich für bedenklich.

Zusammengefasst von Florian Ernst.

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