Finanzbranche: Deutsche Banken im Fusionsfieber

München/Frankfurt - Die zersplitterte Finanzbranche in Deutschland ordnet sich neu. Kreditkrise und harter Wettbewerb zwingen die Banken und deren Eigner zu Fusionen oder Verkäufen. Ein Überblick.

Bei den privaten Banken stehen im Moment so viele Institute gleichzeitig auf der Verkaufsliste wie nie. Die letzten großen Coups sind Jahre her: 2005 übernahm die italienische Unicredit die HypoVereinsbank, 2001 schluckte die Allianz die Dresdner Bank. Doch die belastet den Versicherungskonzern so, dass er die von der Finanzkrise gebeutelte Tochter wieder loswerden will. Im Gespräch ist laut Kreisen eine Kombination mit der Commerzbank.

Das Duo könnte anschließend für die Postbank bieten und mit diesem Dreierbündnis einen zweiten nationalen Champion neben der Deutschen Bank schaffen. Doch die Zeit dafür wird knapp: Die Post drückt aufs Tempo, vergangene Woche fiel der Startschuss für den Verkaufsprozess. Zum Verkauf steht außerdem das Privatkundengeschäft der Citigroup in Deutschland.

Dass die deutschen Banken bei dem Poker unter sich bleiben, ist unwahrscheinlich: Ausländische Wettbewerber könnten Deutscher Bank, Commerzbank & Co. die begehrten deutschen Ziele vor der Nase wegschnappen. "Ausländische Banken gehen da aggressiver ran: Sie würden für die Postbank im Zweifel auch einen höheren Preis zahlen als die Deutsche Bank, weil dies eine der wenigen Chancen ist, im deutschen Markt noch zu landen", sagt Manfred Jakob, Analyst bei der SEB Bank. Institute wie Santander (Spanien), BNP Paribas (Frankreich) oder Lloyds TSB (Großbritannien) wittern die seltene Gelegenheit, auf einen Schlag einen gewichtigen Anteil am deutschen Bankenmarkt zu erobern. Ihr Vorteil: Sie haben die Finanzkrise besser weggesteckt und können mehr Geld auf den Tisch legen als mancher Wettbewerber.

Den Arbeitnehmern wäre es allerdings am liebsten, wenn die Postbank eigenständig bleibt. Das Institut sei in seiner jetzigen Struktur wettbewerbsfähig, sagte Verdi-Vorstandsmitglied Uwe Foullong der Wirtschaftszeitung "Euro am Sonntag". Eine Fusion würde 20 bis 25 Prozent der Stellen kosten. "Wir fordern die Bundesregierung und den Vorstand der Deutschen Post deshalb auf, die Verkaufsverhandlungen für die Postbank zu beenden."

In Zeiten eines enger werdenden Marktes haben auch die Genossenschaftsbanken ihre Fusionspläne wieder ausgegraben: Nach eineinhalb Jahren Stillstand unternehmen die Zentralinstitute DZ Bank und WGZ Bank einen neuen Versuch für einen Zusammenschluss. Der immer härtere Wettbewerb zwingt die gut 1250 Volks- und Raiffeisenbanken zum Handeln, nachdem zuletzt im Jahr 2006 ein Fusionsanlauf scheiterte. Der Luxus zweier Zentralbanken wird zunehmend zur Last. Aus DZ und WGZ entstünde - nach derzeitigem Stand - die drittgrößte deutsche Bank nach Deutscher Bank und Commerzbank.

Die Dauerdebatte um größere Einheiten bei den Landesbanken hatte Mitte Juni neuen Auftrieb bekommen, als der Sachverständigenrat ("Wirtschaftsweise") die Institute in einem Gutachten als "zentralen Schwachpunkt des deutschen Finanzsystems" bezeichnete und deren Öffnung für Privatinvestoren forderte.

Im Lager der sieben verbliebenen eigenständigen Landesbanken gilt ein Zusammengehen der größten im Bunde, der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und der BayernLB, in den Monaten nach der bayerischen Landtagswahl im September als wahrscheinlich. Die Sparkassen als Miteigner machen Druck, während die staatlichen Aktionäre ihren Widerstand langsam aufgeben. "Die Länder sind zunehmend bereit, sich diese Risiken vom Hals zu schaffen", heißt es.

Bei aller Aufbruchstimmung sieht es allerdings nicht so aus, als rücke damit auch der von vielen Fachleuten immer wieder angemahnte Aufbruch des starren deutschen Bankensystems aus öffentlich-rechtlichen Instituten, Genossenschaftsbanken und Privatbanken näher. "Erst wenn die einzelnen Sektoren sich konsolidiert haben, ist eine übergreifende Neuordnung der Branche vorstellbar. Das dürfte aber noch fünf bis zehn Jahre dauern", sagt Analyst Jakob. "Deutschland hat Nachholbedarf: Andere Länder kommen mit zwei bis vier führenden Banken aus." 

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