Die Finanzen des Vatikans

- Rom - Opulent, geradezu pompös wirkt der Vatikan bei seinen Messen und Zeremonien. Der Petersdom und andere Basiliken in Rom scheinen vor Gold überzuquellen, die Schatzkammern sind reich bestückt, die Kardinäle tragen wertvolle Messgewänder, alles in der katholischen Kirche gibt den Anschein von Reichtum und Luxus. Da überrascht es, dass es im Testament von Papst Johannes Paul II. hieß: "Ich hinterlasse keinerlei Eigentum, über das verfügt werden müsste."

<P>Die Finanzen des Heiligen Stuhls sind so undurchsichtig, dass keiner außerhalb der Vatikanmauern weiß, über wie viel Geld ein Pontifex heute wirklich waltet. Fragt man etwa nach dem Gehalt eines Kardinals, herrscht Schweigen. <BR>Jedes Jahr im Sommer veröffentlicht der kleinste Staat der Welt seine Bilanzen. Was der Präsident der vatikanischen Wirtschaftspräfektur, Sergio Sebastiani, dabei der Öffentlichkeit vorlegt, hat aber mit transparenten Geschäftsberichten nur wenig zu tun - und wirkt erstaunlich mickrig. Ist der Heilige Stuhl tatsächlich so arm, wie er vorgibt? Glaubt man den Angaben des vergangenen Jahres, dann standen 2003 den Ausgaben von 213 Millionen Euro lediglich Einnahmen von 203,6 Millionen Euro gegenüber. Sebastiani versuchte das seinen erstaunten Zuhörern mit einer Metapher zu erklären: "Erinnern Sie sich an den Traum des Pharao aus dem Alten Testament? Den mit den sieben fetten Kühen und den sieben mageren Kühen?" Wie im biblischen Gleichnis stehen demnach auch dem Vatikan nach sieben fetten Jahren sieben magere Jahre bevor. Bis 2001 hatte das Zentrum der Christenheit immerhin noch Gewinne von über 30 Millionen Euro verzeichnet.<BR><BR>Peterspfennig von Christen aus der ganzen Welt<BR><BR>Die hohen Würdenträger nehmen das Bilanzloch jedoch mit einem gelassenen Lächeln hin: Schließlich werden die Verluste problemlos durch das Vermögen des Vatikans gedeckt. Wie hoch dieses Vermögen allerdings ist, darüber gehen die Expertenmeinungen auseinander. Irgendwo zwischen einer und zwölf Milliarden Euro soll es liegen inklusive Wertpapieren, Goldreserven, Immobilien und Kunstschätzen. Letztere sind dabei sowieso nicht bezifferbar: Die prächtigen Kunstschätze der katholischen Kirche, so sagte schon Papst Johannes Paul II., "sind unverkäuflich, sie gehören allen Menschen".<BR><BR>Die Kassen des Heiligen Stuhls speisen sich traditionell vor allem aus Spenden und Zuschüssen, Mieteinnahmen, Verpachtungen, dem Verkauf von Briefmarken und Münzen sowie Finanztransaktionen. Und dann ist da noch der so genannte Peterspfennig: Diese von Katholiken aus der ganzen Welt freiwillig geleistete Abgabe wuchs im Jahr 2003 auf 55,8 Millionen Dollar an und ist dazu gedacht, die karitative Arbeit des Papstes zu unterstützen. Insider spekulieren allerdings, dass der Obolus über Jahre hinweg zur Deckung der Defizite genutzt wurde.<BR><BR>Noch unklarer sind die Geschäfte des "Istituto per le Opere di Religione" (IOR). Dieses 1942 von Papst Pius XII. gegründete Institut für religiöse Werke gilt als die eigentliche Vatikanbank, legt aber traditionell weder Bilanzen noch Rechenschaftsberichte vor. Mehr als einmal waren unsaubere Finanzgeschäfte des IOR in der Vergangenheit in die Schlagzeilen geraten. Von Geldwäsche, Betrügerei, gar Mafia war die Rede.<BR><BR>Viele Italiener erinnern sich noch an Roberto Calvi, den Direktor der Mailänder Banco Ambrosiano, der wegen seiner engen Beziehungen zum Heiligen Stuhl auch "Bankier Gottes" genannt wurde. Nach dem betrügerischen Konkurs des Geldinstituts verließ Calvi fluchtartig Italien - und wurde am 17. Juni 1982 erhängt unter der "Brücke der schwarzen Brüder" in London gefunden.<BR><BR>Im Zuge der polizeilichen Ermittlungen musste auch US-Kardinal Paul Casimir Marcinkus, damaliger Chef der Vatikanbank IOR, zurücktreten. Bis heute liegen die Hintergründe zum Tod Calvis im Dunkeln.</P>

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