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Donald Trump, hier auf einem Foto im Wahlkampf, wird US-Präsident.

Zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten

Experte im Interview: Was bedeutet Trump für den Finanzmarkt?

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München - Donald Trump hat auch die Finanzwelt auf den Kopf gestellt. Welche Auswirkungen könnte sein Kurs als Präsident für Unternehmen und den Anleger haben? Ein Finanzexperte schätzt die Lage ein. 

Ein US-Präsident Donald Trump hatte in der Wirtschaft zunächst viele Ängste ausgelöst. Zu unkalkulierbar schien sein Programm. Doch die Gemüter beruhigten sich rasch, an der Börse wurde der Wahlsieg geradezu gefeiert. Wir sprachen mit dem Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, darüber, was nun zu erwarten ist und warum Protektionismus wieder Konjunktur hat.

Heute ist die Amtseinführung Donald Trumps. Was erwarten Sie?

Jörg Krämer: Man kann nur Annahmen treffen. Trump ist für mich kein echter Republikaner. Er hat ja auch gegen seine Partei Wahlkampf gemacht. Sie ist nicht seine Machtbasis, seine Machtbasis sind stattdessen die vielen Enttäuschten in Amerika. Und die will er bei der Stange halten. Deshalb wird Trump weiter ruppig auftreten. Er will das Image des Nicht-Politikers bewahren. Aber Worte sind nicht dasselbe wie Taten. Da geht es am Ende darum, zu einem guten Ergebnis zu kommen. Deshalb dürfte Trump vermutlich keinen selbstzerstörerischen Zollwettlauf beginnen.

Wie lange lässt sich so eine Diskrepanz zwischen Wort und Tat aufrechterhalten?

Krämer: Sehr lange. Wenn Trump durch persönliche Intervention zum Beispiel 2000 Jobs rettet, sagen die Menschen, „der kümmert sich um uns“. Dass diese 2000 Jobs nicht ins Gewicht fallen in einem Land, in dem jeden Monat 200 000 neue Jobs geschaffen werden, steht auf einem anderen Blatt. Aber wir leben leider in einer Zeit, wo die Wahrnehmung für viele Menschen genauso wichtig ist wie die Realität. Im Übrigen profitiert Trump davon, dass er ein Land nahe an der Vollbeschäftigung übernommen hat. Deshalb haben die Löhne begonnen, schneller zu steigen. Der Mann auf der Straße profitiert endlich vom Aufschwung, auch wenn das nichts mit Trump zu tun hat.

Trumps Drohung, Strafzölle auf importierte Autos zu erheben, hat die deutsche Autoindustrie aufgeschreckt. Wie realistisch ist das?

Krämer: Strafzölle hat es durchaus schon gegeben, etwa unter dem US-Präsidenten Ronald Reagan in den 80er-Jahren. Das Risiko ist ganz klar real.

Wie würden Strafzölle wirken?

Krämer: Wir hatten in den letzten 15, 20 Jahren einen ungeheuren Globalisierungsschub. Die Unternehmen produzieren ja nicht nur in ihren Heimatländern, sie haben weltweite Produktionsketten – gerade die Automobilindustrie. Zölle richten da unglaublichen Schaden an. Zölle entziehen den globalisierten Produktionsketten die Grundlage. Die Investitionen von Jahrzehnten werden so zerstört. Wenn man 35 Prozent Zoll auf Autos aus Mexiko erhebt, kann es sein, dass eine Fabrik in Mexiko auf einen Schlag unprofitabel und damit wertlos wird. Die so bestraften Länder werden natürlich ihrerseits mit Zöllen reagieren, mit dem Ergebnis, dass noch mehr Produktionsstätten abgeschrieben werden müssen. Das wäre ein riesiger Verlust an Produktivvermögen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man bei der heutigen Verflechtung der Weltwirtschaft auf breiter Front Zölle einführt. Das würde massiv auf Amerika zurückschlagen. Trump ist hoffentlich Geschäftsmann genug, um das zu wissen.

Seit Jahren ist ein weltweites Klima hin zu Renationalisierung und Protektionismus zu beobachten. Sehen Sie einen historischen Punkt, an dem die Stimmung so gekippt ist?

Krämer: Das hängt sicher mit der Erfahrung der Finanzkrise zusammen, die das Vertrauen vieler Menschen in die Marktwirtschaft erschüttert hat, übrigens bis weit in bürgerliche Kreise hinein. Dazu kommen Kräfte, die immer schon gegen die marktwirtschaftliche Ordnung waren – und diese Kräfte haben jetzt die Oberhand. Das sehen Sie in allen westlichen Gesellschaften. Allerdings gilt das nicht für Asien. So preist sich die chinesische Regierung gerade als Hüter des freien Welthandels. Das ist zwar nicht ganz wahr, zeigt aber, dass die Asiaten sich bewusst sind, dass die Globalisierung etwas Einzigartiges geschafft hat: dass nämlich hunderte Millionen Menschen in Asien der Armut entfliehen konnten. Wir in Deutschland müssten die Globalisierung eigentlich genauso positiv sehen. Wir haben viel mehr davon profitiert als andere westliche Länder.

Was bedeutet diese ganze Gemengelage für das Wirtschaftswachstum und für die Finanzmärkte?

Krämer: Viele Anleger haben regelrecht euphorisch auf die Wahl Trumps reagiert. Diese Vorschusslorbeeren sind meiner Meinung nach übertrieben. Mittlerweile schauen Anleger genauer hin und beginnen, Fakten zu vermissen. Am Ende wird Trump das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft nur wenig beleben, weil seine Wirtschaftspolitik widersprüchlich ist und wegen des Protektionismus Unsicherheit unter den Unternehmen schürt. Außerdem ist der Aufschwung in den USA bereits so weit fortgeschritten, dass fast schon Vollbeschäftigung herrscht. Die Wirtschaft operiert bald an ihrer Kapazitätsgrenze, sodass das Anfachen der Nachfrage am Ende nur zu mehr Inflation führt.

Was heißt das für Anleger?

Krämer: Unser Dax-Jahresendziel für 2017, das wir Ende November aufgestellt hatten, liegt bei 11 700 Punkten. Das haben wir jetzt, im Januar, fast schon erreicht. Offensichtlich haben die Anleger schon viele Vorschusslorbeeren vergeben. Aber vor uns lauern viele Risiken. Zum Beispiel das Risiko von Neuwahlen in Italien, das Risiko von Handelskonflikten, die Welt ist gespickt mit politischen Risiken. Das neue Börsenjahr könnte wie 2016 eine Achterbahnfahrt werden. Am Ende steht vermutlich wieder ein Plus, aber das wird einige Nerven gekostet haben.

Interview: Corinna Maier

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