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Milchprodukte sind deutlich günstiger als noch vor einem Jahr.

Preise

Finanzkrise bringt auch Entlastung

So dramatisch die internationale Finanzkrise Banken und Börsen trifft, für die Verbraucher kann sie auch positive Auswirkungen haben. Denn auch infolge der Turbulenzen sinken die Preise für Öl und Nahrungsmittel auf den Weltmärkten.

Autofahrer können sich bereits über niedrigere Benzinpreise, Fluggäste über abgespeckte Treibstoffzuschläge freuen. Bei den Lebensmitteln ist der Preisrückgang auch schon im Gange – „aber wir fühlen ihn noch nicht so“, wie Marktforscher Paul Michels sagte.

Michels ist Leiter der Marktforschung bei der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswissenschaft (ZMP). Nach deren Erhebungen haben vor allem die Preise für Milchprodukte stark nachgegeben, sie liegen erheblich niedriger als vor einem Jahr. Auch die Preise für die meisten anderen Nahrungsmittel sollen in diesem Herbst im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sinken oder zumindest stabil bleiben.

So drastisch wie die Weltnahrungsmittelbörsen eingebrochen sind, werden die Verbraucherpreise nach Einschätzung des Experten aber nicht nachgeben. Zu gering sei dafür beispielsweise beim Brot der Rohstoffanteil, also das Getreide, an den gesamten Produktionskosten, bei denen Ausgaben für Löhne sowie für Energie zum Backen und zum Transport zu Buche schlagen. Dennoch gab Michels für Brot „insofern Entwarnung, dass die Preise nicht weiter steigen“.

Ginge es lediglich um den Rohstoff Getreide müsste Brot viel billiger werden. Allein im vergangenen Monat ist der Preis an der Pariser Weizenbörse um 20 Prozent gefallen, wie ZMP-Getreideexperte Martin Schraa sagte. Hintergrund des Preisverfalls ist nach seinen Worten abgesehen von einer guten Ernte in diesem Jahr letztlich die Finanzmarktkrise.

Auch die deutsche Holzbranche bekommt die Folgen der Finanzkrise zu spüren: Sägewerke stehen still, Preise für Stämme, Bretter und Balken geben deutlich nach. „Die schwachen Immobilienmärkte vor allem in den USA zeigen Wirkung“, sagt Wolf-Gerd Bitter von der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle der Agrarwirtschaft. Um 10 bis 20 Prozent sind die Preise für Fichtenstammholz seit dem Preishöhepunkt zum Jahreswechsel 2006/07 gefallen. Viele der traditionell aus Holz gebauten US-Einfamilienhäuser würden mit Brettern und Balken aus Deutschland zusammengezimmert. In Boomzeiten entstanden neue Sägewerke, die nun keine Aufträge mehr haben. Und die Situation wird nicht besser: „Ein Holzerzeuger kann seine Bäume nicht im Wald lassen, wenn ihm die Preise zu niedrig sind. Zur Pflege der Bestände muss regelmäßig eingeschlagen werden“, erklärt Sabine Bresemann von der Arbeitsgemeinschaft der Waldbesitzerverbände.

Profiteure sind neben Baumarktkunden und Häuslebauern auch die Besitzer von Holzheizungen. Die aus Sägeabfall hergestellten Holzpellets sind nach einer enormen Preisspitze 2006/07 nun stabil im Preis.

„An Börsen gehandelte Rohstoffe sind heute nicht nur Öl oder Gold, sondern auch landwirtschaftliche Produkte. Sie werden genauso gehandelt und finden sich in den Portfolios vieler Anleger“, erläuterte Martin Schraar. Infolge der Finanzmarktkrise kam es laut Schraa aber zu einer regelrechten Verkaufswelle von Agrarwerten mit der Konsequenz, dass die Kurse drastisch gesunken sind.

Der Rückgang der in den vergangenen beiden Jahren exorbitant gestiegenen Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten hat aber schon im Frühsommer und damit unabhängig von der Finanzkrise eingesetzt. Weil die zu erzielenden Erzeugerpreise so hoch waren, haben weltweit viele Landwirte mehr angebaut. „Ein größeres Angebot hat ohne Zweifel zu dem Preisrückgang beigetragen“, sagte der Chef-Volkswirt im US-Landwirtschaftsministerium, Joe Glauber, „die weltweite Weizenproduktion stieg um zehn Prozent.“ Der gesunkene Ölpreis verringert zudem die Nachfrage nach den aus Nahrungsmitteln gewonnenen Biokraftstoffen, mit der Folge, dass noch mehr Getreide auf den Markt kommt und die Preise noch weiter nachgeben.

Zwar mag der Preisverfall den Millionen vom Hunger bedrohten Menschen in der Welt eine kurzfristig Erleichterung bringen, wie der Leiter des Washingtoner Forschungsinstituts für Ernährungspolitik (IFPRI), Joachim von Braun, sagte. Aber durch die Finanzkrise „wird Kapital für Agrarinvestitionen und für Ernährungsprogramme jetzt noch knapper. Das droht die nachhaltige Überwindung der Welternährungskrise zu verhindern.“ Einbrechende Getreidepreise gekoppelt mit weltweiter Finanzkrise und daraus resultierender Verknappung von Investitionen in die Landwirtschaft könnten dazu führen, dass wieder weniger Getreide angebaut wird.

von Angelika Bruder

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