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"Wir müssen damit rechnen, dass das kommende Jahr, zumindest in den ersten Monaten, ein Jahr schlechter Nachrichten wird", sagte Merkel der "Welt am Sonntag " (22.11.2008).

Die Krise, die keiner erkannte

Wie aus der Finanzkrise eine Weltrezession wurde

Anfangs litten nur einige Banken in den USA, weil sie an Hausbesitzer verliehenes Geld nicht zurückbekamen. Heute steht die ganze Welt am Anfang einer Rezession. Wie aus einer amerikanischen Finanzkrise ein globales Problem wurde.

Als die Börsen vor eineinhalb Jahren Rekordstände erreichten, offenbarten sich schon die Vorboten der heutigen Konjunkturkrise. Aber kaum jemand erkannte sie. Es waren die Kredite von Hausbesitzern in den USA, die nach und nach platzten und eine weltweite Kettenreaktion auslösten - bis hin zur jetzt einsetzenden Rezession. Im kommenden Jahr werden die Unternehmen weltweit nur noch gut ein Prozent mehr Waren und Dienstleistungen herstellen als heuer, erwarten Konjunkturforscher. Das Wirtschaftswachstum kommt also nahezu zum Erliegen.

Weil die Zinsen gestiegen waren, mussten Kreditnehmer in den USA höhere Raten bezahlen. Doch viele konnten das Geld dafür nicht aufbringen. Kredite platzten. Die Immobilienpreise in den USA brachen ein. So nahm eine Entwicklung ihren Anfang, die als Vermögenseffekt bezeichnet wird: Weil Häuser immer weniger wert sind, schrumpft das Vermögen der Menschen. Weil das Vermögen schrumpft, geben die Menschen weniger Geld aus. Und dieser nachlassende Konsum schwächt die Konjunktur. Es sind aber nicht nur Immobilienbesitzer, die unter Vermögensverlusten leiden. Auch bei den Banken schlägt der Effekt durch.

Als Kreditnehmer nicht mehr zahlen können, werden ihre Häuser, die den Banken als Sicherheit dienen, verkauft. Doch die Erlöse reichen - auch wegen der gestürzten Immobilienpreise - nicht aus, um die offenen Kredite zu begleichen. Die Banken müssen Einnahmen abschreiben. Sie erleiden Verluste.

Zunächst glaubt man, das Problem bleibe auf den Finanzsektor beschränkt. "Wall Street ist nicht Main Street", lautet die beruhigende Formel. Die New Yorker Wall Street steht symbolisch für die Bankenwelt. Mit Main Street ("Hauptstraße") ist demgegenüber die Gesamtwirtschaft, insbesondere die Industrie, gemeint. Doch es entwickelt sich ein weiterer Vermögenseffekt: Während die Verbraucher an ihren Konsumausgaben sparen, vergeben die Banken weniger Kredite. Auch das bremst die Konjunktur.

Denn nur wenn Unternehmen Kredite bekommen, können sie in neue Anlagen, Maschinen und sonstige Projekte investieren. Und nun sind nicht nur die USA betroffen. Denn über strukturierte Wertpapiere hatte sich die ganze Welt an US-Immobilienkrediten beteiligt. Nach und nach zeigen sich bei den Banken teils milliardenschwere Einbußen. Das führt auch dazu, dass die Aktienkurse - vor allem in der Finanzbranche - nachgeben. Und so verstärken sich die Vermögenseffekte. Denn nicht nur Immobilien verlieren an Wert, sondern auch Aktiendepots von privaten wie professionellen Anlegern. Fast zeitgleich kommt es zu einer weiteren tückischen Entwicklung. Sie bildet den zweiten Übertragungsweg der Krise auf die Weltwirtschaft.

Die Meldungen von Kreditausfällen und Milliardenverlusten bei Banken werden im Spätsommer immer dramatischer. "Innerhalb von nur zehn Tagen erlebten wir die Verstaatlichung, Pleite oder Rettung der einst größten Versicherungsgesellschaft der Welt mit einer Bilanzsumme von einer Billion Dollar, von zwei der weltweit größten Investmentbanken mit einer kombinierten Bilanzsumme von 1,5 Billionen Dollar und von zwei Giganten des amerikanischen Hypothekenmarktes mit einer Bilanzsumme von 1,8 Billionen Dollar", fasst die Zeitschrift "Economist" Mitte September zusammen. Die Folge sind Vertrauenseffekte: Die schlechten Nachrichten drücken auf die Stimmung. Verbraucher sind verunsichert und warten mit größeren Ausgaben - wie dem Kauf eines Autos - ab. Unternehmen schieben Investitionen hinaus. Beides bremst die Konjunktur. Parallel entsteht ein dritter Übertragungsweg der Krise: die Kreditklemme.

Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers wirkt wie ein Schock. "Wir leben seit dem 15. September in einem anderen Universum", sagt der Chef der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet über den Tag des Lehman-Zusammenbruchs. Banken leihen sich gegenseitig kein Geld mehr aus Angst, ihr Kapital nicht wiederzusehen, falls der Entleiher zusammenbricht. Die Zinsen, die Unternehmen bezahlen müssen, um Geld geliehen zu bekommen, schnellen nach oben. Selbst solide Projekte werden mitunter nicht finanziert. Damit fällt auch noch ein Teil jener Investitionen aus, die nicht bereits aus Angst aufgeschoben wurden.

All diese Effekte zusammen drücken die Weltwirtschaft, der in der Wellenbewegung der Konjunkturzyklen ohnehin ein Tal bevorstand, in die Rezession. Doch inzwischen wurden auch gegenläufige Effekte ausgelöst, die das Wachstum wieder aktivieren sollen: Zinssenkungen, Banken-Rettungspakete, Konjunkturprogramme. Wenn sie wirken, könnte die Rezession genauso schnell überwunden sein, wie sie über die Welt hereinbrach.

Dominik Müller

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