Finanzkrise trifft Versicherer

München - Nach den Banken hat die Finanzkrise jetzt auch die Versicherungsbranche voll erfasst.

Angefangen von der überraschenden Gewinnwarnung des weltweit zweitgrößten Rückversicherers Münchener Rück vor knapp zwei Wochen kamen die Hiobsbotschaften in den vergangenen Tagen Schlag auf Schlag. Neben Europas größtem Versicherer Allianz hat mittlerweile auch AMB Generali seine Gewinnprognose kassiert und der US-Versicherungsriese AIG kämpft wegen hoher Abschreibungen mit Milliardenverlusten.

Vor einer tiefen Krise mit möglichen Ausfällen ganzer Unternehmen sehen Experten die Branche aber derzeit nicht: "Man muss jetzt nicht den Weltuntergang befürchten", sagt Konrad Becker von Merck Finck. Der Zeitpunkt für die Negativ-Nachrichten kommt für ihn nicht überraschend, wohl aber das Ausmaß. Angesichts der geltenden Abschreibungsregeln für Wertpapiere müssten die Unternehmen den Kursverfall der vergangenen Monate an den Börsen jetzt in ihren Bilanzen abbilden. "Vollkommen unklar" sei dabei, welche Belastungen zukünftig noch zu Buche schlagen könnten, sagt Becker. "Dazu müsste man die Portfolien genau kennen."

Zumindest aber hätten die Versicherer ihre Aktien-Bestände in den vergangenen Jahren stark reduziert und dürften daher glimpflicher durch die Finanzkrise kommen, als zu Zeiten der Einbrüche am Neuen Markt um die Jahre 2002/2003, die Allianz und Münchener Rück zu Kapitalerhöhungen zwangen. "Das war auch bitter, und das haben die Versicherer auch überlebt", sagt Becker. Erste Auswirkungen der Finanzkrise hatten in der Branche vor einigen Monaten die Anleiheversicherer ("Monoliner") in den USA zu spüren bekommen. Sie sollen eigentlich beim Ausfall von Anleihen geradestehen, gerieten aber angesichts der Krise um faule Immobilien- Kredite ("subprime") selbst in Bedrängnis.

Auch für die Zukunft rechnet Allianz-Chef Michael Diekmann mit einem Übergreifen der Krise auf weitere Branchen. Die Probleme in der Immobilien- und der Leasingbranche dürften nach seiner Einschätzung anhalten. "Wir bekommen sicher erste Themen auch auf der Kreditkarten-Seite", erwartet der Allianz-Chef. "Das wird wenig Einfluss bei uns haben, wir werden aber erste Themen im US-Markt sehen."

An den Börsen wurde eine Reihe von Versicherungstiteln am Donnerstag abgestraft. Während sich die Allianz-Aktien von ihrem anfänglichen Kursrutsch um mehr als vier Prozent erholten und am Nachmittag zeitweise um gut ein Prozent im Minus bei unter 112 Euro notierten, gaben die Papiere des weltweit viertgrößten Rückversicherers Hannover Rück zeitweise um gut vier Prozent nach auf rund 30 Euro. Trotz eines überraschend starken Gewinneinbruchs im zweiten Quartal hielt die Hannover Rück im Grundsatz an ihren Jahreszielen fest.

Die Unternehmen selbst bemühten sich derweil darum, die Anleger zu beruhigen. Nach der Münchener Rück am Vortag warb am Donnerstag auch die Allianz-Führung um Vertrauen. "Trotz der schwierigen Gesamtlage gibt es aus unserer Sicht keinen Grund, schwarz zu sehen", sagte Diekmann. Der Konzern sei "solide finanziert" und verfüge über eine "sehr gute Kapitalausstattung". Auch dank des tiefgreifenden Umbaus, der mit dem Abbau tausender Arbeitsplätze im deutschen Versicherungsgeschäft einhergegangen war, sei die Allianz für weitere Herausforderungen gerüstet.

Am Vortag hatte auch Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard bei der Halbjahres-Bilanz des Unternehmens aus seiner Sicht übertriebene Befürchtungen wegen der Finanzkrise gedämpft. Es gebe keinen Anlass zur Nervosität, sagte der Vorstandsvorsitzende. Angesichts der Aufstellung mit Rück- und Erstversicherung und einer soliden Kapitalausstattung wolle der Konzern sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen. Nach Einschätzung Beckers sind solche Aussagen aber in der derzeitigen Situation mit Vorsicht zu genießen. "Abgerechnet wird zum Schluss", sagt der Analyst, "wer da gestärkt wird und wer nicht, schauen wir am Schluss."

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