"Firmen denken zu kurzfristig"

München - Droht der Fachkräftemangel den Aufschwung abzuwürgen? Wer trägt die Schuld für die Lücke? Darüber stritten Vertreter der Wirtschaft, Arbeitsverwaltung und Gewerkschaft in München ­ äußerst kontrovers.

"Bayerns Wirtschaft leidet massiv unter dem Fachkräftemangel", bekräftigte Reinhard Dörfler, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. Fast jedes vierte Unternehmen könne nach einer Umfrage offene Stellen derzeit nicht besetzen. In der Industrie seien es teils sogar 30 Prozent. "Bayernweit dürften rund 25\x0f000 Spezialisten fehlen", rechnete Dörfler vor.

25 000 unbesetzte Stellen ­ bei 4,3 Millionen Beschäftigten in Bayern entspricht dies gerade mal einem Anteil von 0,6 Prozent. "Von einem Fachkräftemangel im großen Stil kann nicht die Rede sein", entgegnete Robert Günthner, Arbeitsmarktexperte beim DGB Bayern. Statt über den Mangel von Ingenieuren zu klagen, sollten die Betriebe vermehrt Arbeitslose einstellen. Allein in Bayern sind 2400 Ingenieure ohne Job. "Sind die alle nicht qualifiziert oder einfach nur zu alt?", fragte der DGB-Vertreter in die Runde.

Auch Ernst Kistler bestritt das düstere Szenario, das Dörfler gezeichnet hatte. Der Leiter des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie (Inifes) hat das umfassende IAB-Betriebspanel für Bayern ausgewertet ­ und kommt zu einer weniger dramatischen Einschätzung der Situation: "Lediglich acht Prozent der Unternehmen konnten eine Stelle nicht besetzen", sagte Kistler. Mehr als 75 Prozent der Betriebe hätten derzeit überhaupt keinen Personalbedarf. "Wir sollten daher die Kirche im Dorf lassen."

Massive Kritik musste sich Dörfler auch von der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit anhören. "Erst haben die Betriebe tausende Ingenieure entlassen und jetzt klagen sie über Fachkräftemangel", wetterte Leiter Andreas Stöhr. Zudem räche sich jetzt der drastische Abbau von Lehrstellen in den 90er-Jahren. Dörfler widersprach nicht: "Ich kritisiere auch das kurzfristige Denken einiger Unternehmen. Das ist eindeutig falsch."

Trotz der gegenseitigen Angriffe ­ immerhin in einem waren sich alle einig: "Politik und Unternehmen müssen mehr in Bildung investieren", sagte Kistler. Es sei erschreckend, dass zunehmend bei der Qualifizierung der Mitarbeiter gespart werde, so der Inifes-Chef: "Wenn gut ausgebildete Fachleute Mangelware sind, dann muss ich mich doch gerade um die kümmern. Das ist wie mit einem teuren Auto. Das benötigt auch besondere Pflege."

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