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„Die Beschleunigung ist der Wahnsinn.“ Der Audi A3 E-tron, Preis 45 000 Euro, ist der große Stolz von Susi und Michael Trepte aus Garmisch.

Technologie auf dem Prüfstand

Fit für den Alltag? Die Elektromobilität und ihre Tücken

Holzkirchen - Der Staat würde gerne mehr E-Autos auf den Straßen sehen, doch trotz Kaufprämie ist das Interesse schwach. Noch ist die Technologie teuer, bietet geringe Reichweite und ein schlechtes Ladesäulen-Netz.

Helmut Neumüller, 52, ist ein Pionier. In seiner Garage in Holzkirchen stehen zwei Elektroautos. Ein Nissan Leaf, fünf Jahre alt, und ein Tesla S, den er sich vor zwei Jahren als Geschäftswagen gekauft hat. „Man muss sich trauen“, sagt er. 120 000 elektrische Kilometer hat er bisher zurückgelegt. Zurück zu Benzin möchte er nie mehr.

Doch Neumüller ist noch eine Seltenheit. Anfang 2016 waren gerade mal 5760 Elektroautos auf bayerischen Straßen unterwegs, dazu kamen rund 23 000 Hybridfahrzeuge, die elektrisch und mit Benzin fahren können. Seit Juli 2016 gibt es eine staatliche Prämie von 4000 Euro für den Kauf eines E-Autos, 3000 Euro für Hybride. Trotzdem wurden bis Ende März 2017 in Bayern nur 3565 Anträge eingereicht. Deutschlandweit nutzten gerade einmal rund 15 300 Käufer das Angebot, davon weniger als die Hälfte Privatleute.

Hoher Neupreis, geringe Reichweite, zu wenige Ladesäulen, lange Ladezeit: Die Bedenken kennt Neumüller alle. Und viele davon sind Tatsachen. „Man muss den Leuten aber ein Stück weit die Angst nehmen“, sagt er. Denn mit den richtigen Voraussetzungen, sagt er, sei ein E-Auto beinahe ein Muss.

Zwei E-Autos stehen in der Garage von Helmut Neumüller aus Holzkirchen.

Da ist zum Beispiel die Fotovoltaikanlage auf dem Dach von Neumüllers Haus. Zu 90 Prozent lädt Neumüller seine Autos in der Garage, mit günstigem Sonnenstrom. Der selbstständige Ingenieur für Elektrotechnik hat sein Büro zu Hause, kann die Autos tagsüber laden. Außerdem profitiert er von einer Förderung für Eigenverbrauch von selbst produziertem Strom.

Für ihn rechne sich E-Mobilität, sagt er. Rund 7500 Euro Benzinkosten habe er sich mit seinem Nissan Leaf in fünf Jahren gespart. Bei einem durchschnittlichen Benzinpreis von 1,30 Euro und einem Verbrauch von sieben Litern. 85 000 Kilometer zeigt der Tacho seines Autos an. Sicher, die Neuanschaffung sei teuer, sagt Neumüller: „Aber man muss es in Relation mit einem vergleichbaren Benziner sehen.“ Rund 30 000 Euro hat er 2012 für seinen Nissan bezahlt. Die Luxus-Elektrolimousine Tesla S schlug mit 92 000 Euro zu Buche. Ein Audi RS5, mit dem er in der Benzin-Klasse geliebäugelt habe, hätte das Gleiche gekostet.

„Es ist ein Zweitwagen für kurze Einkaufsfahrten“

Neumüller weiß, dass sich nicht jeder so ein Auto leisten kann. Deshalb redet er auch mehr über den Nissan. In fünf Jahren sei dieser noch nie liegen geblieben, keine Reparatur und immer noch die gleiche Akkuleistung wie fabrikneu. 24 Kilowattstunden fasst die Batterie, das reicht für etwa 70 Kilometer im Sommer. Im Winter, wenn auch die Heizung Strom braucht, sind es sogar noch weniger. „Es ist ein Zweitwagen für kurze Einkaufsfahrten“, sagt Neumüller.

Einen typischen Zweitwagen wollten Susi und Michael Trepte aus Garmisch nicht. Ein halbes Jahr lang durften die beiden vor zwei Jahren ein E-Auto testen, im Rahmen des Projektes „Modellregion Garmisch“. Und sie waren begeistert. Elektro sollte es deshalb auch privat sein. „Wir hatten schon einen Benziner bestellt“, sagt der 57-jährige Versicherungskaufmann. Doch das Auto wurde storniert, ein Audi A3 E-tron kam ins Haus, Neupreis 45 000 Euro. Der Plug-In-Hybrid ist der Stolz der Familie Trepte. Er soll das Beste von Elektro- und Verbrennungsantrieb verbinden.

Der Moment, wenn der Wagen rein elektrisch losfährt, löst bei den Treptes immer noch Begeisterungsstürme aus. Wie ein Blitz flitzt der knallrote Wagen los, flüsterleise gleitet er über die Straße: „Die Beschleunigung ist der Wahnsinn“, sagt Trepte. Kein Knattern beim Anlassen, kein Ruckeln beim Schalten: „Das ist Fahrspaß pur.“

Macht der Akku schlapp, springt der Motor an

70 Prozent ihrer Fahrten machen die Treptes rein elektrisch. Auf 40 Kilometer Reichweite kommt der Audi mit Strom, und weitere Fahrten machen sie im Normalfall an einem Tag nicht. Auch sie laden hauptsächlich zu Hause – ohne Photovoltaik. An der Außenwand des Hauses haben sie einen speziellen Starkstromanschluss einrichten lassen. Michael Trepte zieht das lange Aufladekabel unter dem Gartenzaun durch auf die kleine Straße im Wohngebiet, wo der Audi parkt, und stöpselt ein. Etwas umständlich ist es: „Aber uns stört das nicht“, sagt er. Eine Ladung dauert knapp drei Stunden, dreimal in der Woche muss das Auto „vollgetankt“ werden. 230 Euro koste sie der Strom zum Fahren im Jahr, sagt Trepte.

Macht der Akku schlapp, springt der Verbrennungsmotor ein. Auch ein flexibles Wechseln während der Fahrt ist möglich. Das vollautomatische Getriebe schafft dies unauffällig. In dem Auto versteckt sich beeindruckende Technik. Unter der Motorhaube sitzen der E- und der Verbrennungsmotor. Unter der Rückbank befindet sich der Akku, der Tank ist unter der Rückachse. Ist beides voll, kommt das Auto 750 Kilometer weit. „Man muss selten tanken“, sagt Michael Trepte.

Das Bezahlungssystem ist unheimlich kompliziert

Noch seltener wäre es, wenn das Netz an Ladestationen für Strom besser ausgebaut wäre, bedauern die Treptes. Bei diesem Thema ist die Begeisterung schnell verflogen, da kann der Audi noch so leise durch Garmisch schweben. Zu wenige Ladesäulen und vor allem ein viel zu kompliziertes Bezahlsystem, so ihre Erfahrung. Als Modellregion für E-Mobilität hat Garmisch mit Ladesäulen aufgerüstet. Auch am Parkplatz Eibsee an der Zugspitzbahn gibt es zwei Plätze mit vier Ladesteckern. Reserviert für Elektroautos. Doch Susi Trepte hat schon schlechte Erfahrungen: „Manchmal steht einfach ein normales Auto auf dem Parkplatz.“ Auch sei sie selbst schon angesprochen worden, dass sie den Parkplatz zu lange blockiere: „Aber man parkt ja nicht noch mal um, wenn man beim Skifahren ist.“

Anfangs stellte die Gemeinde Garmisch-Partenkirchen die Ladestationen kostenlos zur Verfügung. Doch inzwischen hat sie die Säulen an einen privaten Betreiber verkauft. Was ein weiteres Problem für die E-Autofahrer mit sich bringt: Es gibt kein einheitliches Bezahlsystem. „Mir ist es zu kompliziert, eine weite Strecke nur mit Strom zu planen“, sagt Michael Trepte. Zwar gibt es inzwischen Apps fürs Smartphone, die die rund 6500 Ladestationen anzeigen, die es derzeit in Deutschland gibt. Die E-Autofahrer müssen ausrechnen, bis zu welcher Strom-Zapfsäule sie es schaffen, bevor sie mit leerem Akku stehen bleiben. Und zusätzlich müssen sie sich bei dem jeweiligen Betreiber registrieren lassen. Denn ist man nicht registriert, fließt kein Strom. Die Fahrt ist unfreiwillig zu Ende. „Manche E-Autofahrer haben fünf verschiedene Bezahlkarten im Geldbeutel“, sagt Michael Trepte. Er selbst hat nur eine Bezahlkarte vom örtlichen Anbieter. Wenn der Strom ausgeht, steigt er auf Benzin um.

Mit Strom bis zum Nordkap

Das Abenteuer Langstreckenfahrt mit Strom möchte Helmut Neumüller aus Holzkirchen bald wagen. Nächstes Jahr wandelt er seinen Tesla von Dienst- auf Privatwagen um. Dann soll es mit dem Elektroauto bis ans Nordkap gehen. Tesla hat sein Netz an Strom-Ladestationen europaweit ausgebaut. Der Bordcomputer rechnet aus, wo das Auto wieder geladen werden muss. 20 Minuten reichen an den Superchargern aus, um wieder 200 Kilometer im Akku zu haben. Neumüller bekommt den Strom noch kostenlos, neuere Kunden müssen bezahlen. Noch hat der Hersteller Tesla einen Vorsprung, was die Ladestationen angeht. Aber die Konkurrenz schläft nicht. „Tank und Rast“ will noch in diesem Jahr an allen ihrer Raststätten Schnellladesäulen errichten. Der Bund hat 200 Millionen Euro Fördermittel für 5000 weitere Schnelllader freigegeben, die bis 2020 kommen sollen. Und Neumüller ist sicher: „Mit meinem nächsten E-Mittelklassewagen kann ich auch in den Urlaub fahren.“

Der Blick auf die Flotte der großen Autohersteller zeigt: Auf 300 bis sogar 500 Kilometer Reichweite bringen es die neuesten Modelle (zum Beispiel der Opel Ampera-E, der bald verfügbar ist). „Da muss den Bürgern die Angst doch endlich vergehen“, hofft Neumüller.

Aglaja Adam

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