Flexible Zeiten für Unternehmen meist wichtiger als Mehrarbeit

- München - Arbeiten die Deutschen zu wenig? Politiker ("bis 50 Stunden in der Woche") und Ökonomen ("42 sind noch dolce vita") verlangen von den Arbeitnehmern forsch, dass sie länger arbeiten. Viele Unternehmen kommen mit den bestehenden Wochenstunden (z. B. 35 Metalltarif, 38 Versicherungen, 39 Banken) gut zurecht, sofern nur die Arbeit flexibel nach Bedarf gemacht wird, ergab eine Umfrage unter großen und mittelständischen Münchner Unternehmen.

<P>Die Tarifverträge lassen dies zu, sofern aufs Jahr gesehen die vereinbarte Zeit eingehalten wird. Alle befragten Unternehmen nutzten diese Möglichkeiten und haben Arbeitszeitkonten (das Prinzip: unbezahlte Mehrarbeit, wenn sie anfällt, gegen Freizeit später) eingeführt.<BR><BR>Vor allem produzierende Konzerne setzen die Gewerkschaften mit dem günstigeren Ausland unter Druck (siehe Siemens, Daimler und jetzt Opel). Kleinere Firmen sind dazu in geringerem Maße im Stande. Bei einem mittelgroßen Münchner Produktions-Unternehmen hieß es: "Wir würden die IG Metall nicht zwingen können wie Siemens." Die von dem Elektroriesen durchgedrückten Lohnkürzungen und Arbeitszeiterhöhungen nennt Richard Polzmacher, Tarifsekretär der IG Metall Bayern, "eine glatte Erpressung". </P><P>Händler und Dienstleister müssen im Inland bleiben</P><P>Anders als Produzenten müssen Anbieter von Waren und Dienstleistungen, wollen sie hier verkaufen, im Inland präsent sein. Für Banken ist soeben ein neuer Tarifvertrag verabschiedet worden. HypoVereinsbank-Chef Dieter Rampl führte die Verhandlungen auf der Arbeitgeberseite. Mit Teilzeitkräften - die HVB habe die höchste Quote in der Branche - könne man Spitzen wie Ultimo-Tage hervorragend abfangen. </P><P>Das Programm "fit" (für "flexibel im Team") überträgt die Verantwortung der Arbeitszeit auf die Teams. Diese könnten dann je nach Arbeitsanfall ihre Arbeitszeiten autonom gestalten. Kostensenkung durch Mehrarbeit sei kein Thema. "Unsere Dienstleistung ist etwas ganz anderes als die Produktion", sagt Karl-Heinz Große Peclum, Personal-Chef bei der HVB. Siemens könne seine Handy-Fertigung nach Ungarn verlagern. Der Bankkunde werde aber wegen der Dienstleistung kaum nach Tschechien fahren. Auch für die 12 000 Mitarbeiter der größten deutschen Versicherung in der Region München bleibt es vorerst beim Alten. "Es sind keine Änderungen geplant", sagte Reiner Wolf, ein Sprecher der Allianz. "Wir sehen momentan auch keinen Bedarf."</P><P>Anders dagegen beim Maschinen- und Nutzfahrzeuge-Hersteller MAN: "Für die Werke in Augsburg (Druckmaschinen, Diesel) sowie Offenbach (Bogenmaschinen) gibt es Gespräche über eine Verlängerung auf 38 bzw. 40 Stunden", sagte Wieland Schmitz, Sprecher der MAN AG in München. In Augsburg sollen als Gegenleistung, wenn die Rendite wieder stimmt, Prämien gezahlt werden. Aus Sicht der Unternehmensführung wäre Mehrarbeit ohne Mehrbezahlung wünschenswert. "Die Tendenz geht in Richtung 40-Stunden-Woche", sagte Rudolf Rupprecht, Vorstandsvorsitzender von MAN. Das sei auch aus demografischen Gründen erforderlich.</P><P>Der Automobilhersteller BMW dagegen ist mit dem geltenden Metalltarifvertrag ganz zufrieden. Die Arbeit müsse getan werden, wenn sie anfällt, und die Maschinenlaufzeit in den Werken sollte im Korridor von 60 bis 140 Stunden liegen. BMW strebe keine pauschale Erhöhung der Arbeitszeit auf 40 Stunden an, so Martina Wimmer.<BR>Bei Iwis Ketten arbeiten 80 Prozent der Angestellten bis 40 Stunden - viele davon außertariflich bezahlt. Beim Familienunternehmen Meiller werde über Zeitkonten jährlich 100 bis 210 Stunden mehr oder weniger gearbeitet. Alles was darüber geht, wird als Überstunden bezahlt.</P><P>Auch der Münchner Brillen-Hersteller Rodenstock komme mit der derzeitigen Regelung gut zurecht, sagte Sprecher Holger Burkhardt. Allerdings arbeiten nur noch knapp 2000 der 4500 Mitarbeiter in Deutschland.<BR><BR></P>

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