Flugausfall kostet eine Milliarde pro Tag

München - Die Flugverbote verursachen Milliardenschäden. Längst sind nicht nur die Fluggesellschaften betroffen. Auch die Industrie befürchtet Stillstand wegen fehlender Teile.

Die Lufthansa zögert mit einer Aussage zu den Schäden. Immerhin laufen ihr die Aktionäre bereits in Scharen davon. Um knapp zehn Prozent hat der Kurs bereits nachgegeben. Da sind weitere schlechte Nachrichten unerwünscht. „Wir können den Schaden, der uns entsteht nicht beziffern“, heißt es. Bei Streiks war von 25 Millionen Euro am Tag die Rede. Weil niemals alle Piloten streikten, müssen die Ausfälle nun höher liegen – zumal die Katastrophe nicht einmal einen Notflugplan erlaubte. Ein Großteil der Kosten läuft weiter, die Einnahmen brechen fast völlig weg. Dazu kommt der Aufwand, gestrandete Passagiere zu betreuen oder mit anderen Verkehrsmitteln heimzuholen.

Hilfe etwa von Versicherern haben die Airlines nicht zu erwarten. „Normalerweise sind die Fluglinien nicht gegen Ausfälle versichert“, sagte ein Sprecher der Münchener Rück. So müssten die Firmen Belastungen selbst tragen.

Vergleich mit Terror-Anschlägen

Von 200 Millionen Dollar am Tag spricht der internationale Luftfahrtverband IATA – betont aber, dies sei eine konservative Schätzung. Das bedeutet: Die wahren Zahlen liegen höher. 250 oder gar 300 Millionen nennt IATA Präsident Giovanni Bisignani. Die Auswirkungen der Krise auf die Branche sei bereits größer als nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center, als der US-Luftraum für drei Tage gesperrt wurde. In der Folge geriet damals ein Großteil der US-Airlines in wirtschaftliche Turbulenzen.

Tui Travel bezifferte die eigenenen Verluste auf 5,7 bis 6,8 Millionen Dollar. Alle setzen nun darauf, dass die meisten betroffenen Passagiere auf einen späteren Termin umbuchen. So lässt sich ein Teil der Summe wieder hereinholen. Den deutschen Verkehrsflughäfen entgehen nach Angaben ihres Verbandsgeschäftsführers Ralph Beisel 10 Millionen Euro am Tag. Darin sind die Umsatzausfälle der Läden und Gastronomiebetriebe in den Flughäfen noch nicht enthalten.

BMW fürchtet Band-Stillstand

Davon ist die Industrie weit entfernt. Zwar klagt noch kein Unternehmen über akute Ausfälle. Es sei aber nur eine Frage von Tagen, bestätigte ein BMW-Sprecher gegenüber unserer Zeitung. Wichtige Komponenten können derzeit nicht in die USA geliefert werden, wo BMW einen Großteil seiner geländegängigen Fahrzeuge produziert. Zwar werde nur ein sehr kleiner, zeitkritischer Teil der Komponenten per Luftfracht transportiert. Doch „im schlimmsten Fall droht ein Band-Stillstand“, so der Sprecher, der alle Werke betreffen könnte. Besonders schlimm trifft BMW die Unkalkulierbarkeit. „Alle hangeln sich von Flugverbot zu Flugverbot.“

Wichtiger noch als beim Autokonzern ist der Transport in der Luft für den Chiphersteller Infineon. Man versuche zwar, Transportmöglichkeiten über den Land- oder Seeweg zu suchen, sagte ein Unternehmenssprecher. Produktionsausfälle können aber nicht ausgeschlossen werden.

Auch MAN könnte Probleme bekommen. Der Konzern verspricht seinen Kunden, wenn etwa ein Schiffsmotor wegen eines Defekts ausfällt, weltweite Ersatzteillieferung innerhalb eines Tages. Das können wir gegenwärtig nicht einhalten, sagt ein Konzernsprecher.

Täglicher Ausfall eine Milliarde Euro

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) schätzt, dass 35 bis 40 Prozent des internationalen Handels über Luftfracht läuft. DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier errechnet aus dem deutschen Exportvolumen von einer Billion Euro im Jahr einen täglichen Ausfall von einer Milliarde Euro. „Viele unserer Industriezweige hängen vom Transport mit Flugzeugen ab“, sagt auch Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Hans-Peter Keitel, Präsident des Industrieverbands BDI, findet es „unerträglich, dass es keine abgesicherten Informationen über die Aschewolke auf den Flugverkehr gebe“.

Streit um mögliche Staatshilfen

Die EU-Kommission will Staatshilfen erleichtern und ist bereit, ähnlich zu reagieren wie nach den Terroranschlägen in den USA 2001. Nach Aussagen von Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia sollen Staaten ihren Fluggesellschaften Hilfen gewähren dürfen, ohne dass diese einzeln und in einem langem Verfahren in Brüssel genehmigt werden müssen. Auch Wirtschaftsminister Brüderle schließt Hilfen nicht aus. Denkbar seien Kredite der staatlichen KfW-Bankengruppe. Außerdem verfüge der im Zug der Finanzkrise geschaffene Deutschlandfonds über „nicht abgerufene Finanzmittel“.

Gegen Hilfen wendet sich Verkehrsminister Peter Ramsauer. „Ich wehre mich gegen jeden Ruf an den Staat“, sagte er im Deutschlandfunk. Die Fluggesellschaften wüssten, dass sie vom Wetter abhängig seien, erklärte Ramsauer. „Es ist ganz klar, dass mit solchen Risiken zu rechnen ist“.

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