Der Prototyp des ersten flugfähigen "Flugtaxis", der eVTOL - electric vertical take-off and landing Jet - des Herstellers Lilium, ist auf dem Digital-Gipfel ausgestellt.
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Lilium Jet: Die Flugtaxis könnten schon bald in Serie produziert werden.

Pläne für Flughafen München

Flugtaxis sollen in Serie gehen: Hersteller aus Oberbayern expandiert

  • Martin Prem
    VonMartin Prem
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Der Lilium Jet aus Oberpfaffenhofen ist eines der aussichtsreichsten Elektroflugzeugprojekte. Das Unternehmen sucht hunderte zusätzliche Mitarbeiter.

Oberpfaffenhofen – Der Ort ist historisch vorbelastet: In den früheren Dornier-Werken am Sonderflughafen Oberpfaffenhofen entwickelten Ingenieure mit der Do 31 Ende der 1960er Jahre eines der innovativsten Flugzeuge der Welt. Ein Senkrechtstarter, der seine Leistungsfähigkeit bei zahlreichen Testflügen unter Beweis stellte – aber nie in Serie ging –, weil die Nato-Militärs auf Lastenhubschrauber setzten.

Zwei gewaltige Triebwerke konnten ihren Schub nach unten lenken und sorgten unterstützt von fünf kleineren Motoren beim senkrechten Start und der senkrechten Landung für Auftrieb. Im Vorwärtsflug lenkten die Haupttriebwerke den Schub nach hinten. Das Flugzeug wird dann vom Auftrieb an den Flügeln in der Luft gehalten.

Lilium Jet: Flugtaxi funktioniert ähnlich wie Militär-Transporter

Ganz ähnlich funktioniert auch der Lilium Jet, der derzeit ebenfalls in Oberpfaffenhofen entwickelt wird und dort auch in Serie geht. Mit einigen Unterschieden: Im Lilium-Jet arbeiten 36 Elektromotoren, die aerodynamisch ähnlich funktionieren wie die heutigen Flugzeugtriebwerke, aber alle schwenkbar sind. Auch so lässt sich der Schub für Start und Landung nach unten lenken und im Horizontalflug nach hinten.

Und auch der Lilium-Jet – obwohl in der Praxis eher ein Shuttle-Flieger, grob der neuen Luftfahrzeuggattung der elektrischen Lufttaxis zugeordnet – konkurriert mit Hubschraubern. Er hat aber mehrere Vorteile: Er ist leiser, weil die knallende Geräuschentwicklung an den Rotorspitzen wegfällt. Er ist ein Vielfaches einfacher. Entscheidend aber könnte sein: Hubschrauber sind zwar praktisch, aber auch sehr verschwenderisch im Umgang mit Energie. Und das ist beim elektrischen Fliegen ein Nachteil. Denn es muss möglichst viel der elektrischen Ladung aus schweren Batterien in verwertbare Bewegungsenergie umgesetzt werden.

Flugtaxi-Projekt in Bayern: Jets fliegen 200 km/h - sechs Passagiere passen an Bord

Dazu kommt, nicht nur die Flügel, sondern auch der Rumpf des Lilium-Jets ist so konzipiert, dass auch er für Auftrieb sorgt. 200 Kilometer pro Stunde und auch eine Reichweite von 250 Kilometern verspricht Daniel Wiegand, der Gründer und Chef des Unternehmens. Einen Sitz für den Piloten und sechs für Passagiere sind im Serienmodell vorgesehen, das bisher nur als sogenannten Mock-up, das ist ein Eins-zu-eins-Modell, existiert.

Eine kleinere Variante hat ihre Flugtauglichkeit bereits bewiesen – bisher noch unbemannt. Allerdings ist dieser Demonstrator bei Wartungsarbeiten abgebrannt. Deshalb wurden die Tests in der Luft unterbrochen. Ein zweites flugfähiges und technisch verbessertes Modell ist einsatzbereit. Es soll in den nächsten Wochen das Testprogramm vor allem mit Hochgeschwindigkeitstests fortsetzen. 

Ein kritischer Punkt für alle Senkrechtstarter ist der Übergang zwischen Auf- oder Abstieg in den Horizontalflug. Daran setzten in der Vergangenheit auch Skeptiker an. Schließlich müssen die Motoren beim Übergang ausreichend Leistung liefern, um das Flugzeug gleichzeitig in der Luft zu halten und nach vorne zu schieben, bis eine Geschwindigkeit erreicht wird, bei der die umströmende Luft das Flugzeug über die Tragflächen trägt. Wiegand sieht den technischen Nachweis als erbracht an und verweist auf üppige Leistungsreserven der Motoren. Und auch in dieser Hinsicht sind Elektromotoren im Vorteil. Sie können kurzfristig auch Leistungen mobilisieren, die man ihnen auf Dauer nicht abverlangen dürfte. 

Bayern: Flugtaxis sollen in Serie gehen - erster Einsatz am Flughafen München

Das Serienflugzeug soll zunächst als Flughafenzubringer eingesetzt werden. Allerdings nicht wie ein Taxi, sondern eher wie ein fliegender Bus auf festgelegten Flugstrecken. Mehrere Partner in Florida und Nordrhein-Westfalen sind bereits dabei und auch die Flughäfen München und Nürnberg sollen für Lilium als Knotenpunkte dienen.

Nun steht das Unternehmen vor einem entscheidenden Schritt. Es war bisher auf die Entwicklung des Lilium-Jets fokussiert und schwenkt in Richtung Produktion. Und sucht nach Talenten, wie Olivier Letann sagt, der die Anwerbung von neuen Fachkräften leitet.

Flugtaxi-Entwickler aus Oberpfaffenhofen expandiert - Belegschaft könnte sich fast verdoppeln

Bisher hat Lilium über 600 Beschäftigte, kurzfristig sollen 50 dazukommen, auf längere Sicht plant Lilium die Einstellung von zusätzlich 400 Mitarbeitern vor allem aus der Großregion München für Teilefertigung und Montage. 

Auf der einen Seite ist die Corona*-Zeit günstig. Die Luftfahrtindustrie leidet an Überkapazitäten und baut weltweit zehntausende Jobs ab. Weniger einfach dürfte es sein, genug Experten für Elektromobilität anzulocken. Auch BMW*, Audi und MAN investieren in dieses Thema. Daher sucht Letann, der vom Elektroautopionier Tesla zu Lilium kam, weltweit nach Mitarbeitern mit Leidenschaft für Elektromobilität.

Er ist zuversichtlich, dass er sie gewinnen kann. Denn Oberpfaffenhofen am Rand des Fünfseenlands bietet nicht nur Arbeit. „It’s a great place to live“, sagt Olivier Letann.

Flugtaxi-Aufschwung für die Region? Beschäftigungsmotor am Rand des Fünfseenlands

Und Oberpfaffenhofen, das nach dem unrühmlichen Ende von Dornier schon einmal vor dem Aus stand, kann wieder aufblühen – wie zu den besten Zeiten des traditionsreichen Flugzeugbauers. Neben Ruag (Schweiz), der Sierra Nevada Company, General Atomics (beide USA) und Lilium ist mit der DLR, dem Raumfahrtspezialisten OHB sowie dem Autozulieferer Webasto ein Firmenmix entstanden, der heute schon mehr Menschen beschäftigt als Dornier an diesem Standort zu seinen besten Zeiten. Auch dank Lilium steht der Beschäftigungsmotor EDMO (so heißt das Flugplatzkürzel für Oberpfaffenhofen) vor weiterem Wachstum. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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