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Gerhard Gribkowsky und Formel 1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone (r.)

Die Spur der Landesbank-Millionen und die Formel1

München – Der Prozess gegen Ex-Landesbanker Gerhard Gribkowsky bringt Licht in ein dunkles Kapitel der Formel 1: einen dubiosen Kredit über 313 Millionen Dollar. Zu den Gewinnern des Deals zählten Formel-1-Boss Bernie Ecclestone und Medienmogul Leo Kirch. Die BayernLB blieb auf einem dreistelligen Millionen-Schaden sitzen.

Der Weg des dubiosen Formel1-Kredits

Noch immer sucht das Landgericht München den Grund für die Millionenzahlung an Gerhard Gribkowsky, den Ex-Vorstand der Bayerischen Landesbank. Der hatte beim Verkauf der Formel-1-Anteile der Bank rund 44 Millionen Dollar erhalten. Die Staatsanwaltschaft vermutet Bestechung, doch wofür das Geld genau floss, ist bislang unklar. Der Grund könnte in einem dubiosen Kreditgeschäft liegen, bei dem die BayernLB einen dreistelligen Millionenschaden verbuchen musste.

Der Kredit

Der Anfang der Geschichte liegt bereits mehr als zehn Jahre zurück. 2001 gehörte die Mehrheit der Formel 1 noch dem inzwischen verstorbenen Medienmogul Leo Kirch. Gebündelt hatte er die Anteile in der Formel Eins Beteiligungsgesellschaft (FEB). Damit er die Formel 1 aber überhaupt kaufen konnte, hatte Kirch unter anderem einen Kredit von der Bayerischen Landesbank über knapp eine Milliarde Euro aufgenommen. Als Sicherheit bekam die BayernLB das Pfandrecht an den Formel-1-Anteilen von Kirch. Doch schon kurz nach dem Kauf brauchte die Formel 1 frisches Geld, denn der Automobilverband FIA verkaufte die Rechte zur Austragung der Rennserie für 100 Jahre. Der Preis: 313 Millionen Dollar. Drei Viertel dieser Summe – 235 Millionen Dollar – musste Kirchs FEB aufbringen, den Rest – 78 Millionen – zahlte Bambino. Der Familienstiftung des Formel-1-Chefs Bernie Ecclestone gehörte das restliche Viertel der Formel 1. Obwohl mit hunderten Millionen jongliert wurde, gibt es keinen ausgetüftelten Vertrag über den Kredit. Grundlage waren nur zwei einseitige, englischsprachige Faxe. Nicht einmal, wann das Darlehen zurückgezahlt werden muss, ist darin geregelt.

Damit die FEB ihre 235 Millionen Dollar aufbringen konnte, nahmen Kirchs Leute einen Kredit über 120 Millionen Dollar bei der Schweizer Bank Crédit Suisse auf. Die ließ sich als Sicherheit die Forderung über 235 Millionen gegen die Formel 1 abtreten.

Die Kirch-Pleite

Doch kurz darauf ging Kirchs Medienimperium pleite und der Insolvenzverwalter Michael Jaffé übernahm auch bei der FEB das Ruder. Seine Aussage im Prozess gegen Gribkowsky brachte den dubiosen Kredit noch einmal auf die Tagesordnung. Die Richter vermuten, dass der Kredit einer der Gründe für die mutmaßliche Bestechung Gribkowskys sein könnte. Durch die Pleite von Kirch gehörte die FEB – und damit auch die Formel 1 – nämlich ab 2002 plötzlich zum Großteil der Bayerischen Landesbank.

Die Rückzahlung

Doch die Forderung auf Rückzahlung der 235 Millionen Dollar, die ursprünglich einmal der FEB und damit nun der BayernLB gehört hätte, wurde weitergereicht. Denn eines Tages gingen auf einem Konto bei der Crédit Suisse plötzlich rund 120 Millionen Dollar ein. „Ich hab’ das erst mal für einen Hörfehler gehalten“, erinnert sich Insolvenzverwalter Jaffé. Damit war der Kredit, den die Bank der FEB gegeben hatte, beglichen. Die Forderung, die die Crédit Suisse als Sicherheit erhalten hatte, ging aber an denjenigen über, der die 120 Millionen überwiesen hatte: die Faller-Stiftung. Doch wer steckte hinter dieser Stiftung? „Frau Ruth Kirch war vermögensrechtlich involviert“, formuliert Jaffé vorsichtig. Offenbar kam das Geld also aus dem Umfeld des inzwischen insolventen Leo Kirch. Die Forderung wechselte nun zwar noch einmal den Besitzer, doch auch der gehörte „zum Umfeld Kirch“, so Jaffé. Die handelnden Personen seien teilweise identisch gewesen – offenbar Strohmänner. Im September 2005 wurde die Forderung dann bei einer Privatauktion in einer Schweizer Anwaltskanzlei versteigert. Mit am Tisch saß neben Vertretern von Insolvenzverwalter Jaffé und der Bayerischen Landesbank auch ein Abgesandter des Unternehmens Kamos. „Das war ein Schweizer Briefkasten“, erinnert sich Jaffé. „Umfeld Kirch?“, fragte der Vorsitzende Richter im Gribkowsky-Prozess. „Ja“, antwortete Jaffé.

Das bestätigt auch ein weiterer Teilnehmer des Treffens, der anonym bleiben möchte, gegenüber unserer Zeitung. Mit am Tisch habe bei der Auktion auch Kirchs rechte Hand, Dieter Hahn, persönlich gesessen. „So gut, wie er sich mit den Vertretern von Kamos und den Verkäufern verstanden hat, war da kein Unterschied auszumachen“, sagt der Teilnehmer. Hahn selbst will sich zu den damaligen Vorgängen nicht äußern.

Am Ende der Auktion bekam Kamos und damit wohl das Kirch-Umfeld den Zuschlag. Die Forderung über 235 Millionen Dollar wechselte für fünf Millionen Dollar den Besitzer. Ein fantastisches Geschäft, wenn der Kredit tatsächlich irgendwann zurückgezahlt werden sollte. Doch das war der BayernLB und dem Insolvenzverwalter zu unsicher, um sich auf ein Wettbieten mit Kamos einzulassen.

Nur wenige Monate später erklärte sich die Formel 1 aber plötzlich grundsätzlich bereit, den vollen Betrag zurückzuzahlen. Weil Insolvenzverwalter Jaffé mit Klagen drohte, einigte man sich in einem Vergleich, dass Kamos 190 Millionen Dollar und Jaffé 45 Millionen für die Insolvenzmasse der FEB erhielt. Für Kirchs Leute ein hervorragendes Geschäft: Sie hatten allem Anschein nach über die Faller-Stiftung 120 Millionen an die Crédit Suisse überwiesen und bekamen nun 190 Millionen zurück – ein Gewinn von 70 Millionen Dollar. Den Schaden haben die BayernLB und die anderen Gläubiger der FEB. Sie bekommen maximal 45 Millionen der ursprünglich ausgegebenen 235 Millionen Dollar zurück.

Der Formel-1-Verkauf

Auffällig ist bei dem Deal auch der zeitliche Ablauf. Jahrelang war nichts vorangegangen, doch dann fand die Versteigerung der Forderung ausgerechnet im September 2005 statt. Nur fünf Tage zuvor hatte der Finanzinvestor CVC Capital Partners der BayernLB ein Kaufangebot für die Formel 1 gemacht. CVC wollte allerdings nichts mit dem dubiosen Kredit zu tun haben und klammerte ihn im Kaufvertrag einfach aus. Vom ermittelten Wert der Formel 1 zog CVC 313 Millionen Dollar ab. Die BayernLB bekam für ihre Anteile entsprechend weniger – nämlich nur 840 Millionen Dollar, obwohl sie rechnerisch knapp über eine Milliarde wert gewesen wären.

Die 313 Millionen Dollar hinterlegte CVC bei Ecclestones Familienstiftung Bambino, die als Treuhänder fungieren sollte. Weil Bambino aber erst drei Jahre später tatsächlich das Geld an Kamos und den Insolvenzverwalter überwies, blieben der Stiftung die Zinsen – ein zweistelliger Millionenbetrag. Außerdem konnten sie ihren Teil des Kredits – 78 Millionen – behalten.

Unter dem Strich profitierten also sowohl Kirch als auch Bambino. Den dreistelligen Millionen-Schaden hatte die Landesbank. Trotzdem schaute der damalige Verhandlungsführer für die BayernLB, Gerhard Gribkowsky, dem Treiben tatenlos zu. Dabei hätte er das Geschäft gleich an zwei Punkten platzen lassen können. Als Gläubiger der FEB musste er dem Vergleich zustimmen, der vorsah, dass die FEB nur 45 Millionen, Kamos aber 190 Millionen Dollar bekam. Die Landesbank habe sich dabei enthalten, indem sie bei der Sitzung des Gläubigerausschusses gar nicht anwesend war, erfuhr unsere Zeitung aus Landesbankkreisen. Auch beim Verkauf an CVC hätte Gribkowsky widersprechen können, dass der Kredit einfach ausgeklammert wird und das Geld bei Bambino hinterlegt wird. Ob dieses Stillhalten ein Grund für die mutmaßliche Bestechung Gribkowskys war, muss nun das Gericht entscheiden.

Philipp Vetter

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