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Milliardengeschäft: Die BayernLB bekam nur 772,65 Millionen für ihre Formel-1-Anteile.

Wirbel um aufgedecktes Gutachten

Formel 1: Wurde Bayern doch abgezockt?

München - Hat die Bayerische Landesbank die Formel 1 hunderte Millionen Dollar zu billig verkauft? Trotz der Bestechung des Ex-Vorstands Gerhard Gribkowsky behauptet die Bank, der Preis sei angemessen gewesen. Ein geheimes Gutachten, das dies beweisen sollte, legt das Gegenteil nahe.

Werner Schmidt war sich sicher: Die Bayerische Landesbank hätte die Formel-1-Anteile auch verkauft, wenn er gewusst hätte, dass Ex-Risikovorstand Gerhard Gribkowsky 44 Millionen Dollar vom Chef der Rennserie, Bernie Ecclestone, bekommt. So sagte es der ehemalige Vorstandschef im Oktober bei seiner Zeugenaussage im Schmiergeldprozess gegen Gribkowsky. Der Preis sei einfach zu gut gewesen. Aber stimmt das?

Schmidt hat durchaus ein Interesse, den Preis als herausragend darzustellen. Schließlich stimmte er dem Verkauf damals zu. Hätte die Bank grobe Fehler gemacht, könnte man auch ihn in Haftung nehmen. Die Staatsanwaltschaft vermutete zunächst, dass Gribkowsky das Geld bekam, damit er zu billig verkauft, später ließ sie diesen Vorwurf fallen. In der Anklageschrift heißt es nur noch, dass es für einen „vorsätzlichen Unterwertverkauf“ damals keinen „hinreichenden Tatverdacht“ gebe. Das bedeutet nicht, dass der Preis fair war – das heißt nur, dass es keine Beweise für das Gegenteil gab.

Fragt man bei der BayernLB, ob sie zu wenig Geld bekommen hat, verweist man dort stets auf ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von Deloitte. Das hatte die Bank 2011 in Auftrag gegeben, nachdem die Vorwürfe gegen Gribkowsky bekannt geworden waren. Die Expertise habe ergeben, dass der gezahlte Preis innerhalb der Bandbreite gelegen habe, die als angemessen gelten könne. Mehr war nicht zu erfahren, das Gutachten blieb unter Verschluss. Vermutlich, weil die Ergebnisse der Deloitte-Expertise, die unserer Zeitung nun vorliegen, alles andere als eindeutig sind.

Die Prüfer hatten für ihre Bewertung drei verschiedene Szenarien durchgespielt. Denn als die Formel 1 verkauft wurde, hatten noch nicht alle Rennteams die Verlängerung des sogenannten Concorde Agreements unterschrieben. In diesem Vertrag wird geregelt, unter welchen Bedingungen die Teams an der Formel 1 teilnehmen. Weil sie eine höhere Beteiligung an den Einnahmen der Rennserie forderten, drohten die Rennställe mit einer eigenen Konkurrenzveranstaltung. Je nach Ausgang der Verhandlungen, so die Deloitte-Prüfer, ergebe sich ein unterschiedlicher Wert der Anteile der BayernLB.

Der tatsächlich gezahlte Kaufpreis von 772,65 Millionen Dollar liegt knapp oberhalb des errechneten Wertes des schlechtesten Szenarios. Darin gingen die Prüfer davon aus, dass die Rennställe ihre Maximalforderungen durchsetzen können und 65 Prozent des Gesamtgewinns der Formel 1 bekommen. Dann hätten die Anteile der Landesbank einen Wert von 756 Millionen Dollar, so das streng vertrauliche Gutachten. Doch die Prüfer selbst halten dieses Szenario nicht für realistisch. Bei der Präsentation ihrer Ergebnisse wiesen sie ausdrücklich darauf hin, dass sowohl die BayernLB als auch der Käufer, der britische Finanzinvestor CVC, davon ausgingen, dass die Teams künftig nur 50 Prozent des Gewinns bekommen werden. Dieses Szenario, zu dem es dann schlussendlich auch kam, haben die Gutachter ebenfalls durchgerechnet und kommen zum Ergebnis, dass bei dieser wahrscheinlichsten Variante die Anteile der BayernLB 1,276 Milliarden Dollar wert gewesen wären. Die Landesbank hätte eine halbe Milliarde Dollar zu billig verkauft.

Aus einer streng vertraulichen Vorstandsvorlage der BayernLB vom 11. November 2005 zum Formel-1-Verkauf, die unserer Zeitung vorliegt, geht hervor, dass die Führung der Landesbank wusste, dass fast alle Teams einer neuen Vereinbarung mit der niedrigeren Gewinnbeteiligung zustimmen würden. Nur Mercedes stehe ihr noch ablehnend gegenüber, Ferrari, das wichtigste Team der Formel 1, habe schon unterschrieben.

Doch der Schaden ist möglicherweise noch viel höher. Die Prüfer haben bei ihren Berechnungen einen „Illiquiditätsabschlag“ von 15 Prozent eingerechnet. Näher begründet wird dieser Abzug nicht. Einen solchen Abschlag gibt es normalerweise nur, wenn es Hindernisse gibt, die einen Verkauf erschweren. Warum er in diesem Fall ausgerechnet 15 Prozent betragen soll, erklären die Prüfer nicht. Ohne diesen Abschlag läge der Wert der Anteile im schlechtesten Szenario bei 869,4 Millionen Dollar und damit knapp 100 Millionen über dem tatsächlichen Preis. Legt man das beste Szenario zugrunde und rechnet den Abschlag heraus, wären die Anteile sogar 1,467 Milliarden wert gewesen – fast das Doppelte dessen, was CVC bezahlt hat.

Das Gutachten von Deloitte hat weitere Schwächen. Die Prüfer verweisen selbst darauf, dass ihnen entscheidende Unterlagen, die CVC beim Kauf eingesehen hatte, nicht zur Verfügung standen. Darunter die damals akutelle Geschäftsplanung der Formel 1. In die Bewertung floss daher nur eine veraltete Fassung der Planung ein. Auch an der Unabhängigkeit der Prüfer gibt es Zweifel, denn die sollen in den vergangenen Jahren nicht nur für die BayernLB, sondern auch für den Käufer CVC tätig gewesen sein. Die britische Zeitung „The Independent“ berichtete 2007 , dass der britische Deloitte-Ableger nach dem Verkauf an CVC ein Steuerkonzept für die Formel 1 entwickelte. Deloitte Deutschland sollte dann unabhängig prüfen, ob der Preis, den CVC bezahlt hat, angemessen war. CVC und Deloitte konnten dazu gestern auf Anfrage keine Stellung nehmen. In Bankenkreisen hieß es, der Verwaltungsrat der BayernLB habe die Wirtschaftsprüfer ausgesucht.

Der Landtagsabgeordnete Eike Hallitzky (Grüne) forderte gegenüber unserer Zeitung die „sofortige Veröffentlichung des kompletten Gutachtens“ durch die BayernLB. Die Bank lehnte einen Kommentar zum Deloitte-Gutachten ab.

CVC hat sich inzwischen übrigens schon wieder von einem Teil der Formel 1 getrennt. Die Käufer, drei neue Finanzinvestoren, mussten deutlich tiefer in die Tasche greifen. Inzwischen ist die Formel 1 rund zehn Milliarden Dollar wert.

Philipp Vetter

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