Das ist dran am Vorwurf

Frau lenkt Diskussion nach Aldi-Post in andere Richtung: Wurden wegen der WM tatsächlich viele Hunde getötet?

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Über positive Aufregung vor der Fußball-WM wollte Aldi Süd auf Facebook schreiben - und erlebte eine aus ganz anderen Gründe aufgeregte Kundin.

Mülheim - Kaum irgendwo geht den Deutschen die Kritik so leicht von der Hand wie in den sozialen Netzwerken. Auch ein vermeintlich harmloser Post zur WM 2018 in Russland kann da schon mal zum Bumerang werden.

Vermutlich kalt erwischt hat eine politische Dimension der WM nun jedenfalls den Discounter Aldi Süd. In einem Post vom Donnerstag erklärte die Kette, man sei schon „super aufgeregt“ ob der nahenden Fußball-Festspiele - und erkundigte sich, und ob es den Kunden denn ebenfalls so gehe. In einem Kommentar unter dem Posting forderte eine Kundin aber einen Stopp für solche „WM-Werbung“. Zurecht?

Die Verfasserin des Posts fügt eine weitere Anschuldigung zur langen Liste der Vorwürfe gegen Putins Russland hinzu: Sie mutmaßt, dass wegen der WM 2018 in Russland 4.500 Hunde getötet wurden - angeblich, um die Straßen des riesigen Landes zu „säubern“. So etwas gehöre boykottiert, forderte die Userin. 

Tatsächlich verbreitet sich seit einigen Tagen ein Facebook-Post viral. Vorsicht: Das Foto könnte verstörend wirken.

Bei dem Posting handelt es sich allerdings zumindest im engeren Sinne um eine Falschmeldung. Denn das betreffende Foto wurde offenbar von der Nachrichtenagentur Reuters bereits 2016 veröffentlicht. Den Angaben der Agentur zufolge handelt es sich bei den gezeigten Hunden um Tiere aus Pakistan, die 2016 von einer Gemeinde vergiftet und anschließend gesammelt wurden. 

Auf dem Originalbild sind im Hintergrund auch sogenannte Tuk-Tuks, also im asiatischen Raum übliche Autorikschas zu erkennen. In der auf Facebook kursierenden Version wurde dieser Bildabschnitt weggeschnitten, nur die auf dem Boden liegenden Hunde sind zu sehen. 

Nichtsdestotrotz hat die Userin mit ihrem kritischen Kommentar unter dem Aldi-Post aber recht: Medienberichten zufolge habe die russische Administatrion vor dem WM tatsächlich tausende Straßenhunde töten lassen. 

Das Nachrichtenmagazin Stern veröffentlichte bereits im März ein Video, in dem eine Frau namens Yana von Tötungen im WM-Spielort Wolgograd berichtet: „Die Kommunalverwaltung bezahlt Jäger für jede Katze oder jeden Hund, den sie töten“, erzählt sie. Der mutmaßliche Grund? Die Straßen sollten für die WM sauber sein. Touristen und wichtige Fußballspieler sollten nicht mit Straßenhunden konfrontiert werden. „Um eine schöne Fassade zu erschaffen, nehmen sie den Tod unschuldiger Tiere in Kauf.“ 

Die 23-Jährige rettete deshalb gemeinsam mit Freunden Hunde vor den Jägern und brachte sie in einem gekauften, leerstehenden Gebäude unter. Mithilfe von Spenden wollen die Aktivisten den Hunden ein angemessenes Leben bieten, zudem versuchen sie, so viele Tiere wie möglich an neue Besitzer zu vermitteln. Einige der Hunde seien angefahren, geprügelt oder bereits in jungen Jahren der Kälte des russischen Winters ausgesetzt gewesen. 

Staatliche Tierheime existieren in Russland nicht.

Doch die Säuberung der Straßen soll nicht überall gleich ablaufen: Laut einem Bericht des Spiegel ist Kaliningrad einer von drei WM-Austragungsorten, an denen die Hunde nicht getötet, sondern kastriert werden sollen. Doch auch hier zeigten sich aufgrund mangelnder Finanzierung Mängel, wie es heißt: Die Tiere warteten in winzigen, feuchten und verrosteten Gitterkäfigen auf die Prozedur, dabei sehen die Vierbeiner kaum Tageslicht. 

Diese Einrichtung sei die einzige, die für ihre „Straßenreinigungsaktion vor der WM staatlich unterstützt“ werde, erklärte eine Mitarbeiterin. Nach einer erfolgreichen Kastration würden die Hunde in das nächste Tierheim gebracht. Für die Dauer der WM sei dafür ein provisorisches Lager errichtet worden, in dem die Hunde weggesperrt werden, um das Bild von sauberen Straßen zu wahren. 

Auch interessant: Tausende „Desi Dogs“ hoffen auf Zuflucht in Europa

Doch was passiert mit den Hunden nach der WM? Staatliche Tierheime existieren in Russland nicht. „Die Staatsanwaltschaft hat eine neue Anordnung verfasst. Jetzt dürfen wir die Hunde nicht mehr zurück auf die Straße bringen“, erzählt die Chefin des Heims in einem Video. Genug Platz, alle Tiere dort dauerhaft unterzubringen, gibt es nicht. Deshalb könnte es möglicherweise doch noch zu „Masseneinschläferungen“ kommen.

„Die FIFA muss sich endlich für die Tiere in den Austragungsorten einsetzen.“

Die Tierschutzorganisation PETA hat zu der aktuellen Situation in Russland eine klare Meinung: „Sportevents wie die kommende Fußball-Weltmeisterschaft begeistern Menschen auf der ganzen Welt. Es ist nicht zu akzeptieren, dass im Vorfeld dieser Veranstaltungen unzählige Tiere ihr Leben lassen müssen. Die FIFA muss sich endlich für die Tiere in den Austragungsorten einsetzen und sich klar gegen die Hundetötungen in Russland positionieren.“ Die Tierschützer haben sie eine Petition gestartet, die ein sofortiges Stoppen der Tötungen einfordert. 

Aldi antwortete auf den Kommentar der Userin zunächst nicht. Klar ist aber: Sport-Großveranstaltungen in Ländern mit autoritär angehauchter Regierung sind eine heikle Sache - auch für Discounter, die mit ihren Followern nur ein wenig über Fußball plauschen wollen.

nz

Rubriklistenbild: © Screenshot Facebook @ALDI_SUED

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