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Frauen sind in der Führungsetage deutscher Unternehmen weiterhin eine Seltenheit - und das soll auch so bleiben, wenn es nach dem Willen vieler Firmen geht.

„Diese Zielgröße soll nicht unterschritten werden“

Frauenquote verkehrt in der deutschen Wirtschaft: Diese 53 Unternehmen wollen „0 Prozent Frauen“

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Frauenquoten für die Wirtschaft sind höchst umstritten. Doch diese Statistik mutet skurril an: 53 deutsche Unternehmen wollen „0 Prozent Frauen“ im Vorstand - und vermelden Erfolg.

Berlin - Frauenquoten für die Führungsetagen deutscher Unternehmen beschäftigen die Politik seit langem - die Idee polarisiert. Unabhängig von Für und Wider eines verbindlichen Frauen-Mindestanteils wirkt diese Erkenntnis aber skurril: Nach Recherchen der deutsch-schwedischen Allbright-Stiftung haben es sich ganze 53 Aufsichtsräte von deutschen börsennotierten Unternehmen zum Ziel gesetzt, in nächster Zeit „0 Prozent Frauen“ im Vorstand zu haben.

Das wirft je nach politischer Haltung ein fragwürdiges Licht auf die entsprechenden Firmen - und/oder auf die gültigen Regelungen: Die börsennotierten Unternehmen sind per Gesetz verpflichtet, einen Zielwert für die Beteiligung von Frauen im Aufsichtsrat, im Vorstand und in anderen Führungspositionen festzulegen. Allerdings ist eine eher „kreative“ Auslegung möglich: Der Wert kann einfach auf „0“ festgesetzt werden. Offenbar macht rund ein Drittel der betroffenen 160 Unternehmen von dieser Möglichkeit Gebrauch.

Frauenquote „0 Prozent“: Sixt, Xing, Fielmann und Zalando sind betroffen

In der am Montag veröffentlichten Auflistung der Stiftung finden sich einige prominente Namen: Vom Internet-Anbieter 1&1 (der sich gerade um die 5G-Lizenzen bewirbt) über den Autovermieter Sixt bis hin zur Karriereplattform Xing, der Optiker-Kette Fielmann und dem Online-Kleidungshändler Zalando.

0 Prozent Frauen: „Diese Zielgröße soll nicht unterschritten werden“

Besonders skurril lesen sich die Regelungen zu den Frauenquoten-Zielgrößen in ausformulierter Form in den Geschäftsberichten der Unternehmen, aus denen die Allbright-Stiftung zitiert. 

„Für den Vorstand der TLG IMMOBILIEN AG liegt die Mindestzielgröße für den Frauenanteil bei Null. Diese Zielgrößen sollen bis zum 30. Juni 2022 nicht unterschritten werden“, heißt es demnach etwa im Corporate-Governance-Bericht der TLG Immobilien AG.  

„Darüber hinaus hält es der Aufsichtsrat nicht für im Interesse der Gesellschaft, höhere Zielgrößen für den Frauenanteil im Vorstand festzulegen“, bekennt die hessische Norma-Group in ihrem Geschäftsbericht. Und kann verkünden: „Daher ist hier die Zielgröße für den Frauenanteil im Vorstand weiterhin null. Diese Zielgröße wurde 2017 unverändert erreicht.“

Keine Frauen im Vorstand: Netzgemeinde reagiert irritiert

Keinen Hehl aus den Gründen für das 0-Prozent-Ziel machten die Verfasser des Corporate-Governance-Erklärung von Fielmann: Frauen in den Vorstand zu holen würde hier bedeuten, Amtsinhaber vor die Tür zu setzen: „Wir sind mit der aktuellen Besetzung gut aufgestellt. Vor diesem Hintergrund wurde die Zielgröße im Geschäftsjahr 2017 für den Frauenanteil im Vorstand für die Zielerreichungsfrist bis zum 30. Juni 2022 mit null Prozent festgelegt.“

Im Netz sorgte die Auflistung für Verwunderung - und für erste Boykott-Drohungen. „Xing - ernsthaft?“, wunderte sich eine Userin. „Das enttäuscht mich jetzt ernsthaft.“ „Zalando??? Das müsste doch eigentlich ein klassisches Eigentor sein, zumal ja wohl viele Frauen ihre Kunden sind“, erklärte eine andere. „Einigen dieser Firmen kann und werde ich aus dem Weg gehen“, kündigte eine Kommentatorin unter dem Tweet der Allbright-Stiftung an.

Frauenquote in der Wirtschaft: Giffey hatte schon im März gemahnt

Frauenministerin Franziska Giffey hatte die Problematik bereits im März angesprochen - ohne allerdings konkrete Unternehmensnamen zu nennen. 81 Prozent der betroffenen Unternehmen hätten bei ihrer Zielsetzung, wie viele Frauen Vorstandsposten inne haben sollen, entweder keine Angaben gemacht oder „null“ gemeldet, sagte die SPD-Politikerin dem Handelsblatt damals anlässlich des Weltfrauentages.

Giffey will die Wirtschaftsunternehmen künftig stärker unter Druck setzen. So plant sie Bußgelder, falls die Firmen kein Ziel festlegen oder unbegründet die Zielgröße „null“ nennen. Zudem verlangte die Ministerin Bewegung von CDU und CSU. „Ich würde mir auch über den Koalitionsvertrag hinaus Maßnahmen wünschen, die dazu beitragen, den Frauenanteil in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft zu erhöhen“, sagte Giffey. „Reine Männerklubs sind nämlich einfach nicht mehr zeitgemäß.“ Eine Frauenquote für Vorstände gibt es bisher nicht.

Die Allbright-Stiftung ist eine gemeinnützige Stiftung, die sich für mehr Frauen und Diversität an den Entscheiderpositionen in der Wirtschaft einsetzt. Sie veröffentlicht zweimal im Jahr Berichte zum aktuellen Stand in den Unternehmen.

Giffey stand zuletzt allerdings wegen Querelen um ihre Doktorarbeit selbst unter Druck. Auch in der Politik waren Frauenquoten Thema: Der brandenburgische Landtag verabschiedete eine entsprechende Regelung. In Bayern entschied sich das Parlament hingegen gegen einen solchen Schritt, wie Merkur.de* berichtete. Kanzlerin Angela Merkel sprach sich für mehr Geschlechtsgenossinnen in der Politik aus.

fn (mit dpa)

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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