Fünf Millionen ohne Job: Hartz IV schlecht für die Statistik

- München - Eigentlich soll Hartz IV helfen, die Lage auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Auf dem Papier wird das Reformgesetz, das im Januar in Kraft tritt, aber zunächst das Gegenteil bewirken: Die Zahl der stellenlos gemeldeten Menschen wird in die Höhe schnellen und vermutlich erstmals die Fünf-Millionen-Marke knacken.

<P>Der Anstieg ist jedoch nur auf den ersten Blick katastrophal. Denn er wird nicht dadurch verursacht, dass die Unternehmen in Deutschland binnen eines Monats Hunderttausende Stellen abbauen. Vielmehr kommt durch Hartz IV ein statistischer Effekt zum Tragen. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) muss in Zukunft viele Arbeitslose mehr in ihr Zahlenwerk aufnehmen:<BR><BR>Zum einen gelten Erwerbsfähige, die bislang keiner Beschäftigung nachgingen und Sozialhilfe bezogen - anders als bisher - ab Januar als arbeitslos. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzt ihre Zahl auf rund 300 000. Dabei handelt es sich um einen Personenkreis "mit massiven Problemen wie Suchterkrankungen", erklärt eine BA-Sprecherin. Von den Sozialämtern wurden sie bisher nicht zu den Arbeitsagenturen geschickt, weil ihnen keine Aussicht auf eine Einstellung gegeben wurde.<BR><BR> Zum anderen werden sich laut dem IAB ca. 40 000 arbeitslose Menschen zwischen 58 und 65 Jahren wieder arbeitssuchend melden. Sie bezogen bislang Arbeitslosenhilfe, tauchten aber wegen einer gesetzlichen Sonderregelung (§ 428 SGB III) nicht in der Statistik auf, da sie auf dem Arbeitsmarkt altersbedingt nicht mehr als vermittelbar galten. Dass sie künftig wieder nach einer Beschäftigung suchen, führt das IAB darauf zurück, dass ihnen das Arbeitslosengeld II nicht reichen wird.<BR><BR>Wegen des Anschwellens der Statistik werden im Februar - saisonbedingt der Monat mit der höchsten Arbeitslosigkeit - mehr als fünf Millionen Bürger ohne Job sein, wie das Münchner Ifo-Institut vorhersagt. Das entspräche einer Arbeitslosenquote von 12,0 Prozent, einem Prozent mehr als im Februar 2004. Allerdings: "So beunruhigend die Zahlen auch sind, als Beleg für eine Verschlechterung der Arbeitsmarktlage sind sie gänzlich untauglich", urteilt der Wirtschafts-Sachverständigenrat in seinem Jahresgutachten 2004/2005.<BR><BR>Tatsächlich wird es ab Januar nur auf dem Papier mehr Arbeitslosigkeit geben. Fachleute rechnen vielmehr damit, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt 2005 aufhellt. So schätzt der Sachverständigenrat, dass es ohne Berücksichtigung des Statistik-Effekts weniger Arbeitslose geben werde. Das wird einerseits mit den vergleichsweise freundlichen Konjunkturaussichten erklärt. Zum anderen aber auch durch die im Rahmen von Hartz IV angestrebte bessere Stellenvermittlung und die geplante Schaffung von insgesamt 600 000 so genannten Ein-Euro-Jobs bis Ende 2005. "Die strukturelle Arbeitslosigkeit wird sich dadurch um 200 000 bis 300 000 reduzieren", sagte der Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, Viktor Steiner, unserer Zeitung.</P>

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