Standort Italien

Fusion zwischen Fiat und Chrysler: Kampf um Turin

Turin - Für Italien ist es ein Schlag, für Fiat soll es ein Aufbruch sein: Mit der Übernahme von Chrysler und der Verlagerung des Firmensitzes will der Konzern sich für den harten Konkurrenzkampf in der Branche rüsten. Doch Probleme bleiben.

John Elkann ist 37 Jahre alt und trägt schon ziemlich viel Verantwortung. Der Spross des Turiner Agnelli-Clans ist seit vier Jahren Präsident des italienischen Autoherstellers Fiat, der seit Jahresbeginn zusammen mit Chrysler den siebtgrößten Autokonzern der Welt bildet. Fiat Chrysler Automobiles (FCA) heißt der neue Konzern, und Elkann versucht sich als Blitzableiter für die Sorgen, die mit dem Zusammenschluss vor allem in Italien geweckt werden. FCA hat angekündigt, seinen Rechtssitz in die Niederlande und seinen steuerlichen Sitz nach Großbritannien zu verlegen. Da bleibt nicht mehr viel übrig für das Stammland Italien, behaupten die Kritiker.

Elkann will beruhigen. Schon bislang habe das Unternehmen seine Standbeine auf vier verschiedenen Kontinenten. „Mein Büro bleibt in Turin“, versichert der Präsident in einem Interview mit La Stampa. Umzugskisten seien nirgends zu sehen, schreibt der Chefredakteur der Turiner Zeitung, die ebenso wie Fiat Chrysler Automobiles von den Agnellis kontrolliert wird und nun das Organ ist, mit dem die Familie die Sorgen zu zerstreuen versucht. Elkann sagt auch, FCA-Geschäftsführer Sergio Marchionne, der den schrittweisen Zusammenschluss von Fiat und Chrysler bewerkstelligte, lebe sowieso im Flugzeug. Die Allianz sei die Rettung des Konzerns.

In Italien wird der Fall Fiat kontrovers diskutiert. Von einem „Kulturschock“ ist die Rede. Fiat würde seine italienischen Wurzeln verraten, hier sei der klammheimliche Abschied eines Traditionsunternehmens aus seiner Heimat im Gange. Doch es gibt auch vermittelnde Töne. „Absolut zweitrangig“ sei die Frage des Firmensitzes, behauptet Ministerpräsident Enrico Letta, dem Elkann und Marchionne die neue Unternehmensstruktur illustrierten, bevor sie am Mittwoch öffentlich bekannt wurde. Entscheidend sei, wie viele Arbeitsplätze Fiat Chrysler Automobiles in Italien schaffe und wie viele Autos der Konzern verkaufe. „Uns interessiert nicht, wo Fiat seinen steuerlichen oder rechtlichen Sitz hat“, sagt auch der Sekretär der katholischen Gewerkschaft CISL, Raffaele Bonanni. Wichtig sei, wo künftig produziert werde.

Marchionne hat angekündigt, dass in Italien vor allem die zu Fiat gehörenden Premium-Marken Maserati und Alfa Romeo entworfen und gebaut werden sollen. Wie hoch die Investitionen am Standort Italien sein werden, gibt FCA allerdings erst im Mai bekannt. Schon früher hatte Fiat Investitionsversprechen mit Blick auf die schlechte Marktlage in Europa und den hohen Produktionskosten wieder zurückgenommen. Die Skepsis im Hinblick auf die Umstrukturierung ist deshalb groß. Arbeitsminister Enrico Giovannini gibt sich „überzeugt, dass Fiat seine Versprechen einhält“. Dazu gehörten Investitionen und die Wiederöffnung derjenigen Fabriken, deren Produktion zuletzt drastisch zurückgefahren wurde. „Wir sehen bisher nur, dass das Unternehmen seine Steuern künftig weniger in Italien zahlen wird“, kritisiert Gewerkschaftsführerin Susanna Camusso von der Gewerkschaft CIGL.

John Elkann hingegen argumentiert, der Konzern werde dort Steuern zahlen, wo Umsätze gemacht werden, also auch in Italien. Das Ziel sei, alle beurlaubten Arbeiter in Italien wieder zu beschäftigen. Viele der etwa 31 000 Fiat-Arbeiter in Italien sind beurlaubt oder auf staatlich unterstützter Kurzarbeit. Immer wieder gibt es Gerüchte über die Schließung der verbliebenen fünf italienischen Fiat-Werke.

Die Zahlen geben den Managern in Turin zu denken: Gerade einmal sieben Prozent des Gesamtumsatzes machte Fiat 2013 in Italien. In Europa schlägt ein Verlust von rund 470 Millionen Euro zu Buche, der nur dank der erfolgreichen Unternehmensteilen etwa in den USA und der Beteiligung an Chrysler ausgeglichen werden konnte.

von Julius Müller-Meiningen

Rubriklistenbild: © dpa

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