Fußball-Weltmeisterschaft macht noch kein Wirtschaftswunder

- Frankfurt - Die Fußball-Weltmeisterschaft soll Deutschland nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich voranbringen. Drei Monate vor dem ersten Anstoß blühen die ökonomischen Erwartungen. Handel, Verbände und Unternehmen erwarten gut gelaunte Kunden, volle Kassen und bis zu 0,6 Prozentpunkte mehr Wachstum in Deutschland. Volkswirte warnen jedoch vor Träumereien.

"Die Euphorie ist völlig überzogen", sagt Gert Wagner, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Die Fußball-WM kann ein großer Spaß werden, aber der Wirtschaftsstandort Deutschland wird dadurch nicht gerettet." Institute und Banken haben den volkswirtschaftlichen Nutzen der WM berechnet und kommen zu dem Ergebnis, dass eine Fußball-WM genauso wie Olympische Spiele nur minimale Auswirkungen auf große Volkswirtschaften hat - das wirtschaftliche Volumen ist einfach zu niedrig.

"Einige Milliarden Umsatz machen auch völlig unspektakuläre kleine Branchen, wie zum Beispiel die Zementindustrie", sagt Wagner. Die meisten Volkswirte schätzen den Beitrag des Fußball-Spektakels zum Wachstum der deutschen Konjunktur zwischen nahezu null und 0,25 Prozentpunkte ein - bei erwarteten 1,8 bis 2,0 Prozent Plus in diesem Jahr.

"Die WM 2006 ist kein Wundermittel, das alles richten kann", sagt Volkswirt David Milleker von der Dresdner Bank. "Wir reden über einen Tropfen auf den heißen Stein." Das Großereignis werde nur einen kurzfristigen Anstoß geben. Auch wenn die Folgen für die Volkswirtschaft insgesamt begrenzt bleiben, sind sich die Experten aber darin einig, dass einzelne Branchen vom Fußballfieber profitieren werden.

So hat die Bauindustrie bereits kräftig Aufträge verbucht, weil 1,5 Milliarden Euro in den Ausbau der zwölf WM-Stadien investiert wurden. Die Vorbereitungen haben nach Angaben der Landesbank Rheinland-Pfalz Investitionen von fnf Milliarden Euro bewirkt. Das vierwöchige Turnier wird nach Schätzung der Deutschen Zentrale für Tourismus eine Million ausländische Gäste ins Land locken. Bei geschätzten fünf Übernachtungen pro Besucher macht das aufs Jahr gerechnet allerdings nur 1,7 Prozent Plus aus.

Auf dem Arbeitsmarkt wird die WM zumindest einen saisonalen Effekt bringen. Die Bundesagentur für Arbeit rechnet immerhin mit bis zu 50 000 zusätzlichen Arbeitsplätzen, zum Beispiel in Restaurants und Gaststätten. Von den zusätzlichen Jobs könnten nach Ansicht von Fachleuten rund 20 000 dauerhaft erhalten bleiben. Der Handel erwartet vor allem bei Fan- und Sportartikeln sowie Flachbildschirmen ein sattes Plus. "Der Konsumstau wird sich dadurch aber nicht auflösen", warnt Volkswirt Ralph Solveen von der Commerzbank.

Die Verbraucher hielten sich seit Jahren beim Konsumieren zurück, weil die Einkommen nur wenig gestiegen seien. "Die Kunden können einen Euro nur einmal ausgeben. Wenn sie sich einen neuen Fernseher kaufen, dann legen sie sich keine neue Waschmaschine zu." Zudem würden gerade solche Produkte wie Fernseher, Fanschals und Trikots im billigen Ausland produziert - und blieben für die Industrieproduktion in Deutschland ohne Wirkung.

Solange Deutschland nicht in der Vorrunde ausscheidet, wird das Fußball-Ereignis den Verbrauchern und Unternehmen gute Laune machen. "Die WM kann über den Wohlfühlfaktor generell zu einer guten Stimmung in Deutschland beitragen", sagt Jens-Uwe Wächter von der Deka-Bank.

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