G7-Staaten beschließen Maßnahmen gegen Finanzkrise

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Washington (dpa) - Mit stärkeren Kontrollen und schärferen Anforderungen an die Finanzbranche wollen die sieben wichtigsten Industrienationen (G7) die massive Finanzmarktkrise eindämmen und eine Wiederholung verhindern.

Die G7-Finanzminister und Notenbankchefs stimmten bei ihrem Treffen in Washington einem umfassenden Aktionspaket zu. Die kurzfristigen Schritte sollen bereits binnen 100 Tagen umgesetzt werden, die mittelfristigen bis zum Ende des Jahres. Damit solle die Widerstandsfähigkeit des globalen Finanzsystems auch auf lange Sicht gestärkt, Vertrauen zurückgewonnen und zudem die Marktfunktion verbessert werden. Der Beschluss sei "konkret, einheitlich und zeitnah", sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD).

Die vom US-Immobilienmarkt ausgehende Krise hat sich zur Belastungsprobe für das globale Finanzsystem und die weltweite Wirtschaft mit noch nicht absehbaren Folgen entwickelt. Ein schnelles Ende der Krise sei nicht zu erwarten, das ganze Jahr 2008 sei noch damit zu rechnen, sagte Steinbrück. Er kritisierte aber den IWF für dessen Prognose, dass weltweit Verluste in dem enormen Umfang von fast einer Billion US-Dollar zu befürchten seien.

Auf kurze Sicht fordern die G7 von Banken unter anderem die vollständige Offenlegung von Risiken und Abschreibungen. Milliarden-Abschreibungen und -Verluste sorgten in den vergangenen Wochen und Monaten für immer spektakulärere Schlagzeilen. Finanzhäusern wird geraten, ihr Risikomanagement deutlich zu verbessern und falls nötig ihre Kapitalbasis stärken. Notenbanken und Aufsichtsbehörden sollen besser zusammenarbeiten, um drohende Finanzmarktkrisen künftig früher zu erkennen, hieß es in einer Erklärung am Vorabend der gemeinsamen Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank am Wochenende.

Die Turbulenzen in den globalen Finanzmärkten seien noch immer nicht ausgestanden und dauerten länger als zunächst angenommen, heißt es in dem G7-Kommuniqué weiter. Die Auswirkungen der Krise wurden jedoch durchaus unterschiedlich bewertet. US-Finanzminister Henry Paulson erklärte am Samstag vor dem IWF-Lenkungsausschuss, 2008 werde ein "schweres Jahr" für die Weltwirtschaft. "Wir müssen uns auf weitere Stolpersteine einstellen". Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte hingegen vor dem Gremium, Europa befinde sich "in einer relativ guten Lage, den globalen Gegenwind auszuhalten."

Bundesbankpräsident Axel Weber bezifferte den Umfang der Abschreibungen und Wertberichtigungen der 47 großen, international operierenden Banken als Folge der Finanzmarktkrise in den vergangenen 15 Monaten auf insgesamt rund 225 Milliarden US-Dollar (rund 142 Mrd Euro). Seinen Angaben zufolge entfallen davon auf Deutschland rund 30 Milliarden Dollar. "Deutschland liegt deutlich hinter den USA und der Schweiz auf Platz drei", betonte er. "Ich glaube, dass wir einen deutlichen Teil der Belastungen hier bereits gesehen haben."

Das nun angestrebte Aktionsbündel fußt auf dem Abschlussbericht des von den Industrienationen getragenen Forums für Finanzstabilitätsforum (FSF), das die Staatengruppe im vergangenen Herbst in Auftrag gegeben hatte, um die Ursachen der Finanzmarktkrise und Schwächen im Finanzsystem zu ermitteln.

Bis zum Jahresende wird unter anderem angestrebt, dass Ratingagenturen strukturierte Anlageprodukte differenzierter bewerten und ihre Methoden deutlich machen. Außerdem sollen die Kapitalanforderungen für eine Reihe von strukturierten Finanzinstrumenten, die oftmals risikoreich sind, erhöht werden. Die Standards für nicht-bilanzwirksame Finanzvehikel sollen zudem verbessert werden. Auch soll die Zusammenarbeit von Aufsichtsbehörden und Zentralbanken enger werden, um Risiken für die Finanzmarktstabilität schneller zu erkennen. Notenbanken sollten zudem in der Lage sein, drohende Bankenzusammenbrüche aufzufangen.

Beunruhigt äußerten sich die G7-Teilnehmer über die jüngste Entwicklung der Wechselkurse. Es habe in den vergangenen Monaten "bisweilen starke Schwankungen bei den wichtigsten Währungen gegeben, was wir mit Blick auf mögliche Folgen für die Finanz- und Wirtschaftsstabilität mit Sorge betrachten", hieß es. China wurde erneut aufgefordert, seine Währung schneller aufzuwerten.

Steinbrück erneuerte seine Kritik an den jüngsten, pessimistischen Wachstumsaussichten des Internationalen Währungsfonds für europäischen Länder und auch Deutschland. Fast alle europäischen Länder hätten deutlich gemacht, da ss sie den Einschätzungen des IWF nicht folgten, sagte der Minister. "Wir haben den Eindruck, dass es dort erhebliche Unterschätzungen gibt." Es werde offenbar zu schnell von den Verhältnissen in den USA auf die Lage in Europa geschlossen, sagte Steinbrück. Der IWF prognostiziert für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum in Deutschland von 1,4 Prozent, während Berlin an der Vorhersage von 1,7 Prozent unvermindert festhält.

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