Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, sitzt im Treppenhaus des Instituts. Felbermayr.
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Der Präsident, des Instituts für Weltwirtschaft, Prof. Gabriel Felbermayr.

Interview mit Gabriel Felbermayr

Warum die deutsche Wirtschaft von Biden profitieren würde - trotz höherer Steuern

  • Sebastian Hölzle
    vonSebastian Hölzle
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Mittelständler, Dax-Konzerne, Börsenhändler: Alle blicken nach Amerika. Was ändert sich nach der Präsidentschaftswahl in den USA? Wie geht es weiter mit der größten Volkswirtschaft der Welt? Was bedeutet das knappe Wahlergebnis für deutsche Firmen? Der Kieler Ökonom Gabriel Felbermayr gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Zuletzt hieß es fast einhellig aus der deutschen Wirtschaft: Egal wer das Rennen um das Weiße Haus macht, Hauptsache es ist ein klares Ergebnis. Das Gegenteil ist eingetroffen. Was bedeutet das?
Das Wahlergebnis zeigt auf sehr drastische Weise, wie gespalten die USA sind. Das bedeutet, dass es in den USA nicht leicht wird, echte Zukunftspolitik zu machen – und zwar völlig unabhängig davon, wie der Präsident heißt. Der Präsident wird mit einem schwachen Mandat ausgestattet sein. Die USA werden in den nächsten Jahren noch mehr auf die Innenpolitik starren und wenig Energie für globale Themen haben.
Bei einem klaren Ergebnis wäre das anders gewesen?
Dann hätte man zumindest die Möglichkeit gehabt, aus diesem innenpolitischen Zwangskorsett zu entfliehen.
Gehen wir einmal davon aus, Trump macht das Rennen. Ganz nüchtern ökonomisch betrachtet: Wäre das eine gute Nachricht für deutsche Unternehmen?
Das kommt drauf an. Joe Biden ist mit einer Steuererhöhungsagenda angetreten. Geht es nach ihm, gehen die Unternehmenssteuern wieder etwas nach oben, von 21 auf 28 Prozent, und auch die Einkommensteuer soll um ein paar Prozentpunkte angehoben werden. Das würde deutsche Unternehmen treffen, die in den USA tätig sind. Unter einem Präsidenten Trump würden die Firmen weiterhin von niedrigen Steuersätzen profitieren, genauso würde ihnen Trumps Deregulierungsagenda helfen.
Das klingt vielversprechend für die deutschen Firmen.
Leider nicht ganz. Profitieren von Trump würden nur diejenigen Firmen aus Deutschland, die selbst in den USA produzieren oder dort Tochterunternehmen haben. Anders sieht es für deutsche Unternehmen aus, die in die USA exportieren. Für die ist Trump mit seiner Handelspolitik natürlich ein Problem.
Und dann gibt es noch den Fall BMW: Das Unternehmen hat in Spartanburg ein Werk, würde also von Trumps Deregulierung und den niedrigen Steuern profitieren. Gleichzeitig exportiert BMW. US-Strafzölle auf Autos sind aber längst nicht vom Tisch. Welcher Effekt überwiegt?
BMW hätte unter einem Präsidenten Trump die Möglichkeit, drohenden Zöllen auszuweichen, indem einfach mehr Fahrzeuge in den USA hergestellt werden und die Vorprodukte von amerikanischen Zulieferern eingekauft werden. Das ist nicht schön für die bayerischen Zulieferer, aber damit kann BMW seine Geschäftsperspektiven in den USA aufrecht erhalten, selbst wenn es zu Zöllen kommen sollte. Andere deutsche Unternehmen, die in den USA tätig sind, werden das sicherlich genauso machen. Für diese Unternehmen und deren Eigentümer, hätte Trump tatsächlich im Saldo einen positiven Effekt.
Und die Zulieferer hätten das Nachsehen?
Kleine Unternehmen wären tatsächlich die Verlierer. Wer aus Bayern beispielsweise Vorprodukte ins BMW-Werk nach Spartanburg liefert und aufgrund des amerikanischen Protektionismus auf einmal ausgesperrt wird, für den ist die Trump-Politik natürlich eine schlechte Sache. Solchen Firmen bringt es leider gar nichts, wenn BMW in den USA Steuern spart.
Was würde unter Biden anders laufen?
Interessanterweise würde Biden in der Handelspolitik gar nicht so viel anders agieren. Aber: Deutschland und Europa könnte mit Biden konstruktiv ins Gespräch kommen, mit ihm lassen sich Probleme gemeinsam lösen. Mit Trump dagegen ist die Atmosphäre derart toxisch, dass die Regierungen in Europa keine Aussicht auf Kompromisse haben.
Wer ist unterm Strich der bessere Präsident für die deutsche Wirtschaft? Der Steuersenker Trump oder ein kooperationsbereiter Biden?
Wenn wir mit deutscher Wirtschaft die deutsche Volkswirtschaft als Gesamtes meinen, also Beschäftigung und Einkommen miteinbezogen, eindeutig Biden. Trump schafft ja nur für diejenigen Vorteile, die in den USA selber geschäftlich aktiv sind und nicht für diejenigen, die in die USA exportieren wollen. Die deutsche Wirtschaft würde enorm davon profitieren, wenn das transatlantische Verhältnis unter Biden wieder auf Kooperation angelegt wäre.
Wie sieht es mit dem Verhältnis zu China aus? In der Handelspolitik hat Trump mit China einen Krieg aus Strafzöllen und Gegenzöllen entfacht. Biden könnte gegenüber China eine ähnlich restriktive Politik betreiben.
Tatsächlich sind sich in der China-Politik Demokraten und Republikaner recht ähnlich. Der große Unterschied zwischen Biden und Trump ist der Stil. Ein Präsident Biden würde den Verhandlungsweg suchen. Mit China haben schließlich viele ein Problem, Europa eingeschlossen, aber auch Australien, Japan oder Südkorea.
Wie würde eine Handelspolitik unter Biden konkret aussehen?
Mit ihm ließe sich eine große Allianz schmieden, um Antworten auf die Herausforderungen Chinas zu finden. Trump hatte ja mit seinem Alleingang recht wenig Erfolg, bis auf die Tatsache, dass der Handel zwischen China und den USA kleiner geworden ist. Aber zu einem echten Zugeständnis konnte Trump China nicht bewegen, ausländische Investoren werden in China ja nach wie vor diskriminiert, was auch überhaupt nicht im Interesse Europas ist. Wenn die USA aber gemeinsam mit Europa und asiatischen Partnern Druck ausüben würden, hätte das ganze eine Chance. Obama hatte diese Chance gesehen und hatte daher auch die großen Freihandelsabkommen angestoßen, um dem chinesischen Expansionsstreben etwas entgegenzusetzen.
Aber wäre eine neue globale Front in der Handelspolitik gegenüber China wirklich klug? Aktuell sehen wir, dass China – insbesondere durch eine hohe Nachfrage nach Autos – die deutsche Wirtschaft aus dem Corona-Tief zieht.
Was wir uns nicht erlauben können, ist ein Handelskrieg mit China, das ist klar. Aber was wir uns seit Jahren wünschen ist ein Investitionsabkommen mit China. Wir wollen ja nicht den Handel mit China einschränken, sondern besseren Zugang zu China bekommen – nur unter gleichen Bedingungen.
Müsste Europa dazu nicht geschlossener auftreten?
Europa müsste zumindest eine klare Vision davon entwickeln, was es überhaupt will. Pauschal zu sagen, wir machen mit dem Amerikanern eine Anti-China-Politik, wird natürlich nicht ausreichen. Wir haben ja mit China viele gemeinsame Interessen. Wenn China die Infrastruktur im eurasischen Raum ausbaut, ist das für uns in Europa eine gute Sache.
Wie soll der Spagat zwischen China auf der einen Seite und den USA auf der anderen Seite gelingen?
Das ist nicht einfach für Europa. Aber wir haben – trotz des Brexits – noch immer den größten Binnenmarkt der Welt und den Euro als eine starke gemeinsam Währung. Europa muss sich dessen bewusst werden und beides hegen und pflegen. Und dann muss Europa – auch wenn es nicht schön ist – damit Verhandlungsdruck aufbauen und in der Außenhandelspolitik Drohpotentzial entwickeln und damit die eigenen Interessen durchsetzen. Je wertvoller der Binnenmarkt ist, desto mehr kann man von den Handelspartnern Zugeständnisse erwarten, wenn sie Zugang zu diesem Markt wollen. Denn die Zukunft der europäischen Wirtschaft liegt sowohl in den USA als auch in China.

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