Gallois warnt vor Aus für Europas Raumfahrt

Donauwörth - Die EADS will wieder hoch hinaus ­ nicht nur wirtschaftlich. Konzernchef Louis Gallois drängt die europäische Politik zum Einstieg in die bemannte Raumfahrt.

Ein europäischer Konzern muss sich auch in seinen Ritualen neu erfinden. Es war seit der EADS-Gründung üblich, dass die Bosse um den Jahreswechsel etwas zu den Perspektiven des Konzerns über den Tag hinaus sinnierten. Der deutsche Teil-Chef tat dies bisher in München, der französische in Paris ­ jeweils für die Seelenlage des Landes. Die Doppelspitze ist nun aber Geschichte. Und Gallois, der nun einzige Chef, kam deshalb aus Paris nach Donauwörth.

Dafür hatte er gute Gründe: Das Eurocopterwerk in Nordschwaben ist anerkannt einer der besten Standorte des Konzerns. So war eine der unausgesprochenen Botschaften: Wir können viel. Wir wollen noch mehr, war die zweite, wichtigere. Vor allem will Gallois hoch hinaus, wenn die Politik ihn lässt: "2008", so der EADS-Chef, "ist ein entscheidendes Jahr für die europäische Raumfahrt." Er formulierte es später noch drastischer: "Wir werden sehen, ob es in Europa eine Zukunft für die Raumfahrt noch gibt."

Von der ESA-Ministerkonferenz in diesem Jahr erwartet Gallois entsprechende Entscheidungen. "China und Indien sind schneller als wir." Beide Länder arbeiten an ehrgeizigen ­ auch bemannten ­ Raumfahrtprogrammen. Russland und die USA tüfteln längst wieder an Missionen zum Mond und zum Mars sowie an Raumschiffen der nächsten Generation. Europa könnte ein wichtiger Faktor auf diesem Gebiet werden ­ oder ins Hintertreffen geraten. "Wenn es keinen Ehrgeiz für die Raumfahrt in Europa gibt, werden wir uns anpassen", sagte Gallois, warnte aber: "Dann gibt es auch kein Zurück mehr."

Dabei steht die EADS technologisch vor dem entscheidenden Schritt. Mit dem Versorgungsmodul ATV steht, wie berichtet, die Vorstufe einer möglichen bemannten Raumkapsel zur Verfügung. Mit der Ariane V ein geeigneter Träger. In drei Jahren könnte die verbleibende technologische Lücke geschlossen werden, rechnen Experten. Allerdings nur, wenn die Politik es will. "Wir hätten hier einige Fragen", sagte Gallois, "aber die Antworten können wir nicht selbst geben."

Insgesamt will der Konzern nach einem Jahr der Rekordbestellungen in die Breite wachsen: Airbus trägt 65 Prozent zum Konzerngeschäft bei. 2020 soll der Airbus-Anteil nur noch 50 Prozent sein. Dies will Gallois nicht durch Rückbau erreichen, sondern durch Wachstum der anderen Sparten. Dienstleistungen machen heute 10 Prozent des EADS-Geschäfts aus. 2020 sollen es 25 Prozent sein. Die Raumfahrt könnte ­ wenn entsprechende politische Entscheidungen fallen ­ ebenfalls deutlich an Gewicht gewinnen. Eurocopter ist mit den überquellenden Auftragsbüchern ohnehin eine Perle im Konzern mit blendenden Perspektiven.

Vor allem beim Verteidigungsgeschäft hofft Gallois auf den lang angestrebten Sprung über den Atlantik. "Wir wollen den Zugang zum Sicherheitsmarkt in den USA." Dieser kann aber nur gelingen, wenn EADS dort über mehr Produktionskapazitäten verfügt. So will EADS nach dem Bau eines Eurocopterwerks in Mississippi weitere Produktionsstätten jeseits des Atlantik haben. Wahrscheinlich ist ein Zukauf. "Der Zeitpunkt, in den USA zuzuschlagen" sei wegen des Dollarkurses günstig, sagt der Konzernchef. Details nannte er noch nicht. "Es geht um Unternehmen mittlerer Größe." 20 Prozent der Mitarbeiter sollen langfristig an Standorten außerhalb Europas arbeiten, umreißt Gallois das Ziel bis 2020. Trotz der vergangenen Krisen sitzt EADS auf einer prall gefüllten Kasse. Die Nettoliquidität liegt bei fünf Milliarden Euro. Daher ist von einer Kapitalerhöhung keine Rede.

Und auch bei den Krisenherden der Vergangenheit konstatiert Gallois Besserung. Der zweite Airbus A380 steht vor der Auslieferung. Insgesamt sollen heuer 13 Stück fertig werden. Zur Überwindung der Triebwerksprobleme beim Militär-Airbus machen die Hersteller erste Zusagen, berichtet der EADS-Chef. Und die Probleme bei der Marineversion des Militärhubschraubers HN 90 ­ einem weiterem Sorgenkind ­ seien im Griff.

Auch das Sanierungsprogramm Power 8 sei auf Kurs. "Wir haben die Einsparungsziele übertroffen", berichtete Gallois, der gleichzeitig das Ziel weiterer Einsparungen bekräftigte. "Ich bin mir sicher, dass wir 2008 erste Früchte ernten können." Auch die Zeiten nationaler Rivalitäten erklärt der EADS-Chef für beendet. "Wir sind jetzt wirklich ein Team", sagt er. "Das ist neu."

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