Schwindelerregende Börsengeschäfte

Gamestop-Skandal mit Folgen für die Börsenwelt: Trugbild von Gut und Böse

  • Martin Prem
    vonMartin Prem
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Die Spekulationen um die Gamestop-Aktie in den USA haben Leerverkäufe ins Rampenlicht gerückt. Sind bei solchen Aktionen wirklich bitterböse Finsterlinge am Werk?

  • Leerverkäufe sind im Zuge des Gamestop-Skandals wieder in das Rampenlicht gerückt.
  • Haben Kleinanleger den bösen Hedgefonds-Managern der Wall Street eins ausgewischt?
  • Ganz so einfach ist die Unterscheidung in Helden und Schurken jedoch leider nicht.
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München – Es wirkt auf Anhieb wie eine Superhelden-Story: Mächtige Bösewichte haben sich gegen ein unschuldiges börsennotiertes Unternehmen verschworen. Sie drücken mit Macht die Kurse – indem sie geliehene Aktien verkaufen. Diese Aktien wollten sie dann billiger zurückkaufen, zurückgeben und selbst hohe Gewinne einstreichen.

Nun kommen die „Guten“ – und zwar in wahren Massen. Sie kauften wie wild Aktien des angegriffenen Unternehmens. Die Kurse fielen nicht, sie stiegen. Die „Bösen“ müssen die geliehenen Aktien mit Verlusten zurückkaufen, um noch höhere Verluste zu vermeiden. Allein durch diese Käufe werden die Kurse weiter nach oben getrieben, zum Teil schwindelerregend. Da ist binnen Sekunden ein Vielfaches des ursprünglichen Einsatzes weg.

Gamestop-Aktie mit Achterbahnfahrt: Spekulation auf beiden Seiten 

Die Kleinen besiegen den Großen. Oder der brave David tötet den bösen Riesen Goliath. Das klingt gleich noch viel besser, wenn einer der Akteure Robinhood heißt – nach dem englischen Outlaw, der das Vermögen einer korrupten Oberschicht raubt und es an Arme verteilt. Es wäre schön, wenn die Welt wirklich so einfach wäre.

Sie ist es aber nicht. Die vermeintlich Bösen waren institutionelle Anleger. Ihre Spekulation auf fallende Kurse durch Leerverkäufe von Aktien hatte einen realen Grund: Sie verkauften Papiere von Gamestop, eines verlustreichen Händlers für Computerspiele. Dessen Geschäfte liefen im Corona-Lockdown nochmals schlechter. Das Unternehmen verliert objektiv an Wert. Nun aber kamen tausende Kleinanleger und hielten mit Käufen dagegen. Auch sie nutzen zum Teil hochspekulative Mittel.

Es gibt neben Leerverkäufen auch sogenannte Hebelprodukte, mit denen mit hohem Risiko auf fallende oder steigende Notierungen gesetzt wird. Im Erfolgsfall winken hohe Gewinne – im Fall des Scheiterns der Totalverlust.

Hobby-Zocker nahmen es mit professionellen Wertpapierhändlern an der New York Stock Exchange auf und trugen – zumindest vorläufig – den Sieg davon. Doch wie es mit Gamestop weitergeht, ist offen.

Solche Geschäfte sind auch in der realen Wirtschaft unverzichtbar. Exportorientierte Unternehmen sichern sich so gegen Währungsschwankungen ab .Hebelprodukte waren auf der Seite der Davids im Fall Gamestop im Einsatz.

Gamestop und Leerverkäufe von Aktien: Im Jahr 2003 war Autovermieter Sixt betroffen 

Aktien spiegeln den Wert eines Unternehmens wider. Weil Börsianer dabei nach vorne blicken, geht es auch um die künftige Entwicklung. Wenn die nächste Bilanz schlecht ausfallen dürfte, fallen deshalb die Kurse. Und Leerverkäufe nehmen diese Entwicklungen im günstigen Fall vorweg. So hätte es auch bei Wirecard kommen können. Anleger entdeckten Unstimmigkeiten in den Bilanzen und verkauften die Aktie leer.

Die deutsche Finanzaufsicht hielt auf der Seite von Wirecard dagegen – mit Drohungen an die Akteure und Schönfärberei – was viele Anleger beim Untergang von Wirecard ins Verderben stürzte. Auch beim Leasingunternehmen Grenke waren Leerverkäufer nach Zweifeln an der Bilanz an einem massiven Kurssturz beteiligt. Doch das Unternehmen konnte die Sache erfolgreich klären.

Kriminell werden Leerverkäufe, wenn Marktteilnehmer geliehene Aktien verkaufen und dann falsche schlechte Nachrichten über das betroffene Unternehmen streuen. Der Autoverleiher Sixt wurde 2003 Opfer solcher Attacken, konnte sich aber gegen die Angriffe wehren.

Gamestop-Kurs: Robinhood als tragischer Held einer Superhelden-Geschichte

Bei Gamestop ist davon auszugehen, dass sich die künstlich hochgetriebenen Kurse wieder normalisieren. Viele Davids, die stolz darauf sind, Goliath besiegt zu haben, werden am Ende mit leeren Händen dastehen. Gewinnen werden dagegen gewiefte institutionelle oder private Investoren, die die übertrieben hohen Kurse dafür nutzen, sich zum sehr vorteilhaften Preis von ihren Anteilen zu trennen. Da werden auch einige der Schlaueren unter den Davids dabei sein.

Ein tragischer Held in der Superhelden-Geschichte von Gamestop ist ausgerechnet die Handelsplattform Robinhood, die angesichts der Kurskapriolen und weil sie für jeden Kauf Geld hinterlegen musste, Käufe von Gamestop-Aktien verbot und nur noch Verkäufe zuließ. Es wirkt so, wie wenn ein Fußball-Schiedsrichter sich ins Tor der glücklosen Profi-Mannschaft stellt. Die US-Börsenaufsicht – unter anderem in Texas – leitete wegen des Markteingriffs Ermittlungen gegen Robinhood ein. Der Ausgang ist ungewiss.

Die Geschichte Superhelden gegen Schurken wurde von vielen Kreisen begeistert aufgenommen. Sie hat leider einen Fehler: Sie stellt komplexe Sachverhalte einfacher dar, als sie sind.

Rubriklistenbild: ©  Angela Weiss / AFP

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