Garchinger Visionen für die Luftfahrt

Garching - Wie sehen die Flugzeuge und Flughäfen der Zukunft aus? Der Verein Bauhaus Luftfahrt arbeitet inmitten des TU-Geländes in Garching für die Industrie und den Freistaat Bayern an Zukunftsvisionen für die Branche.

Edmund Stoiber, den schon die Begeisterung über den Zehn-Minuten-Trip von München zum Flughafen aus dem Rede-Konzept brachte, hätten wohl vollends die Worte gefehlt: Man steigt - vielleicht sogar am Münchner Hauptbahnhof - in eine Magnetschwebebahn. Diese kommt nie an einem Flughafen an, denn sie ist gewissermaßen selbst einer: Auf der Strecke nähert sich ein Flugzeug, setzt auf dem Zug auf, tauscht mit diesem die Fahrgastzelle, hebt ab und fliegt weiter nach Moskau oder Marokko. Die bisherigen Fluggäste "landen" in ihrer ausgetauschten Zelle im nächsten Hauptbahnhof. Das ist eine - freilich ferne - Zukunftsvision, wie sie Wissenschaftler im "Bauhaus Luftfahrt" in Garching entwickeln.

Dabei ist der Name Bauhaus der vor zwei Jahren gegründeten Einrichtung bewusst an das Architektur-Vorbild in Dessau angelehnt, bei dem auch Vertreter verschiedener Disziplinen zusammenarbeiteten. In Garching sollen unabhängig von Sachzwängen der Industrie Projekte mit langfristiger Orientierung vorangetrieben werden, sagt Bauhaus-Chef Klaus Broichhausen, der als Maschinenbau-Professor und MTU-Manager selbst ein Wanderer zwischen den Welten ist. Er skizziert die Arbeitsteilung: Visionäre Ideen stimulieren Industrieprojekte. Denn im Bauhaus Luftfahrt sollen keine Luftschlösser erdacht werden.

Am Anfang der Projekte stehen ökonomische, ökologische und soziale Überlegungen. Dabei geht es unter anderem um den Mangel an Ressourcen und Kapazitäten und die wachsenden Ansprüche von immer mehr Menschen an Mobilität und Ruhe.

Neue Technik soll dazu beitragen, solche scheinbar unversöhnlichen Faktoren unter einen Hut zu bringen. Als Nadelöhr im Luftverkehr haben die 30 Bauhaus-Mitarbeiter die Flughäfen ausgemacht, denen immer mehr Startbahnen auch nicht helfen, uferlos wachsende Passagierzahlen zu bewältigen. Klassische Start- und Landebahnen, so der Bauhaus-Lösungsansatz, sollen Jumbos wie der A380 und ihren Nachfolgern vorbehalten sein. Mittelstreckenflugzeuge dagegen dürfen für Start und Landung nicht mehr Platz brauchen als heute ein Sportflugzeug. Und sie sollen zu Ab- und Anflügen auf engstem Raum fähig sein, damit die Flugzeuge sich weniger ins Gehege kommen und die Nerven von Anwohnern schonen. Hier kommen Zukunftstechnologien ins Spiel:

-Triebwerke sollen nicht mehr als Gondeln an den Tragflächen hängen, wo sie kraftzehrende Verwirbelungen verursachen. Sie werden elegant in Rumpf und Flügeln integriert, wo sie - wie bei Senkrechtstartern - auch für zusätzlichen Auftrieb sorgen.

-Neue, über Steuerimpulse verformbare Materialien sollen es ermöglichen, dass bisher mechanisch bewegte Klappen und Ruder strömungsgünstig unter die Flugzeughaut wandern (wie bei Vögeln unterm Federkleid).

-Weil die meisten Maßnahmen den aerodynamischen Wirkungsgrad verbessern, ergibt sich ein Nebenef­fekt: Der Kerosinverbrauch sinkt. Broichhausen hält eine Halbierung für möglich.

Erfreulich für die deutsche Luftfahrtbranche: Höchstauftrieb, Triebwerkstechnik und Aktorik - und damit vieles, was für die vom Bauhaus Luftfahrt vorangetriebenen Projekte entscheidend sein wird - sind nach Einschätzung von Broichhausen besondere Kompetenzfelder der deutschen Industrie.

Doch gleichzeitig muss sich die Industrie dieser Herausforderung stellen. Denn bei der Klasse der 100-sitzigen Flugzeuge stehen Russland und China als Produzenten in den Startlöchern. Christian Kelders, Ökonom beim Bauhaus Luftfahrt, sieht in technologischen Fortschritten die Grundbedingung zum Erhalt von Marktanteilen. Denn was Airbus und Boeing heute bauen, kann die russische Industrie ebenfalls. Und die chinesischen Konkurrenten sind auf der Aufholjagd. So könnte das Wissen, das jenseits industrieller Zwänge heute bereits zusammengetragen wird, in 15 oder 20 Jahren entscheidend für den Markterfolg werden. "Die Ideen haben wir", sagt Klaus Broichhausen. "Es fehlt an der Umsetzung."

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