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Gas und Öl: Lieferstopp von Russland für Deutschland „handhabbar“

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Von: Lisa Mayerhofer

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Rohölverarbeitungsanlage einer Ölraffinerie: Viele deutsche Bürger befürworten einen russischen Gas- und Öl-Lieferstopp, die Regierung ist jedoch dagegen. 
Viele deutsche Bürger befürworten einen russischen Gas- und Öl-Lieferstopp, die Regierung ist jedoch dagegen. (Symbolbild) © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB/Symbolbild

Die USA planen, Erdöl-Importe aus Russland zu stoppen. Auch viele deutsche Bürger befürworten einen Gas- und Öl-Lieferstopp, die Regierung ist jedoch dagegen. Experten halten ein Embargo für verkraftbar.

Berlin/Moskau - Die USA wollen wegen des Ukraine-Kriegs Erdöl-Importe aus Russland stoppen. Das Importverbot solle noch am Dienstag verkündet werden, berichtete unter anderem der US-Sender NBC. Bei dem neuen Verbot preschen die USA aber ohne ihre europäischen Verbündeten voran, die bisher keine Sanktionen in diesem Bereich verhängt haben. Dabei sind die Vereinigten Staaten allerdings auch viel weniger von russischer Energie abhängig als Europa. Nur sieben Prozent des von den USA importierten Erdöls stammt aus Russland.

Habeck warnt vor den Folgen eines russischen Gas- und Öl-Lieferstopps

Viele europäische Länder wie Deutschland müssen jedoch Erdgas und Erdöl importieren. 2021 bezog Deutschland mehr als ein Drittel der Öleinfuhren aus Russland, bei Gas war es sogar mehr als die Hälfte der Lieferungen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) erklärte am Montag, Europa habe Energielieferungen aus Russland während des Ukraine-Konflikts* „bewusst“ von Sanktionen ausgenommen. „Die Versorgung Europas mit Energie für die Wärmeerzeugung, für die Mobilität, die Stromversorgung und für die Industrie kann im Moment nicht anders gesichert werden“, erklärte der Kanzler mit Blick auf Importe aus Russland.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) warnte davor*, welche Konsequenzen ein Verzicht auf russisches Öl und Gas bedeuten würde: „Wir reden dann über eine schwere Wirtschaftskrise in Deutschland und damit in Europa“, sagte er am Dienstag in der Sendung „Frühstart“ von RTL.

Es gehe dann nicht darum, dass man nachts die Beleuchtung früher abdrehe. „Es geht darum, dass wir Unternehmenszusammenbrüche und Arbeitslosigkeit bekommen werden“, sagte Habeck. Man könne sagen, das sei einem der Frieden wert. „Aber man muss es dann auch durchhalten. Und wir reden hier nicht über drei Tage und auch nicht über drei Wochen, sondern - ich sage jetzt mal - über drei Jahre“, erklärte der Wirtschaftsminister.

Forscher über russisches Energie-Embargo: „Die Lichter würden nicht ausgehen“

Die Deutschen sind allerdings laut einer Umfrage wegen des Ukraine-Kriegs mehrheitlich für einen Stopp* der Öl- und Gasimporte aus Russland. 54 Prozent gaben in einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Handelsblatts an, ein Embargo zu befürworten. Durch den Konflikt sind die Spritpreise wie auch die Heizölpreise stark gestiegen.

Forscher haben nun erste Szenarien entworfen, wie heftig ein Lieferstopp aus Russland Deutschland treffen könnte. Sie halten im Gegensatz zu den Politikern ein Embargo durchaus für machbar. „Die Lichter würden nicht ausgehen“, zitiert das Handelsblatt den Volkswirt Moritz Schularick von der Universität Bonn. Im schlimmsten Fall könnte die deutsche Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um bis zu 2,5 Prozent einbrechen. Das bedeute natürlich eine scharfe Rezession, „aber es ist kein Weltuntergangsszenario für die deutsche Volkswirtschaft“. Immerhin: Zu Beginn der Corona-Pandemie ist die deutsche Wirtschaft um fünf Prozent eingebrochen.

Mit geeigneten Maßnahmen wie höheren Gasimporten aus anderen Ländern, dem Nachfüllen der Speicher im Sommer und Stromerzeugung aus alternativen Quellen wie Kernenergie oder Kohle könne die Lücke auf etwa 30 Prozent des Gasverbrauchs und acht Prozent des Energieverbrauchs reduziert werden, rechnen die Forscher laut dem Handelsblatt.

Leopoldina: Lieferstopp von russischem Gas „handhabbar“

Auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina geht davon aus, dass ein kurzfristiger Lieferstopp von russischem Gas* für die deutsche Volkswirtschaft „handhabbar“ wäre. Dazu veröffentlichten die Forscher am Dienstag in Berlin eine Ad-hoc-Stellungnahme zu einer raschen sowie auch einer langfristigen Ersetzbarkeit von Erdgas aus Russland.

Kurzfristig empfehlen die Wissenschaftler Flüssiggasimporte, Einsparungen beim Erdgas und das Füllen von Gasspeichern als Puffer für den Winter. „Um die Erdgasnachfrage zu reduzieren, könnte zudem auf eine stärkere Kohleverstromung gesetzt werden“, heißt es in der Stellungnahme. Mehrkosten müssten gegebenenfalls für Bürger und Unternehmen abgefedert werden, zum Beispiel durch Entlastungen bei Energiesteuern.

„Mittelfristig - innerhalb eines Jahres - benötigt Deutschland eine robuste Reserve an Energieträgern, einen Ausbau der Flüssiggaskapazitäten und eine Ertüchtigung des Gasnetzes“, heißt es weiter. Langfristig, also innerhalb von zwei bis zehn Jahren wird der Ausbau der Infrastruktur für den Umschlag und Import von Wasserstoff empfohlen sowie der stärkere Ausbau der erneuerbaren Energien.

Leopoldina: Staatliche Regulierung des Energiemarktes notwendig

Zudem hält die Leopoldina eine stärkere staatliche Regulierung des Energiemarktes für notwendig. Die Optionen reichten dabei „von einer vollständig staatlichen Energieversorgung bis hin zu einer rein privatwirtschaftlichen Energieversorgung unter staatlicher Regulierung und Aufsicht“. Dabei sollen Politik und Gesellschaft den geplanten Kohleausstieg 2030 aber nicht infrage stellen. „Er hilft dabei, von russischen Kohleimporten, die 50 Prozent der Kohleeinfuhr nach Deutschland ausmachen, unabhängig zu werden“, betonten die Forscher.

Auch „bestehende wirksame Mechanismen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen, allen voran der Emissionshandel und seine Weiterentwicklung im Rahmen des EU Green Deal“, dürften demnach „nicht aufgeweicht werden“. „Die aktuelle Situation macht es erforderlich, den Umbau des Energiesystems noch energischer als bisher voranzutreiben“, betont die Leopoldina.

Was ebenfalls bei der Debatte nicht vergessen werden sollte: Vielleicht nimmt der russische Präsident Wladimir Putin Deutschland die Entscheidung ab - indem er, wie am Montag schon angedroht, selbst den Gashahn einfach zudreht.

Mit Material der dpa und AFP

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