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Trotz hoher Gaspreise: Russland drosselt Lieferung - Experte sieht „Kriegserklärung an die EU“

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Von: Franziska Schwarz

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Mitarbeiter von den Stadtwerken Spremberg überprüfen die Erdgasleitungen.
Russland drosselt seine Gaslieferungen. © Rainer Weisflog/Imago

Ausgerechnet vor der Heizperiode sind die Gaspreise steil gestiegen. Doch wer gehofft hatte, der Kreml könnte die Gaslieferungen erhöhen, sieht sich getäuscht.

Berlin - Unter den steigenden Energiepreisen leidet die ganze Welt. Russland sieht sich derzeit Vorwürfen ausgesetzt, absichtlich seine Gaslieferungen zu drosseln, um die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 zu beschleunigen. Präsident Wladimir Putin weist das zurück.

Der Verdacht, politischen Druck ausüben zu wollen, ist aber schwer auszuräumen. Mehrere Experten sahen im Gespräch mit dem Spiegel nun Hinweise darauf. Der russische Staatskonzern Gazprom liefere viel weniger Gas, als die hohe Nachfrage erlauben würde, sagte der russische Energieexperte Michail Krutichin dem Magazin in einem Bericht vom Mittwoch (20. Oktober)

Dabei könnte Gazprom genau jetzt finanziell profitieren: „Ökonomisch gäbe es einen erheblichen Anreiz, mehr zu liefern“, sagte Hanns Koenig, Marktexperte der Beratungsfirma Aurora Energy Research, dem Spiegel.

Gasstreit mit Russland: Energieexperte: „EU wird jetzt faktisch der Krieg erklärt“

Für Krutichin spielt bei der Angelegenheit auch die Energiewende eine Rolle: Wegen der Pläne für erneuerbare Energien erkläre Russland der EU „jetzt faktisch einen Krieg“, mutmaßte er. Denn mittel- oder langfristig werden die EU somit weniger Gas aus Russland importieren.

Nun gibt es auch natürliche Ursachen für schwankende Liefermengen, betonen die Spiegel-Autoren und zitieren Thomas Gitzel, Chefökonom der liechtensteinischen VP Bank. „Der Pipeline-Durchfluss bricht immer wieder ein, was an den mittlerweile in den Sommermonaten üblichen Waldbränden in Sibirien liegt. Gasfelder müssen dann vom Netz genommen werden.“

Und Gazprom betont, die Liefermenge nach Deutschland im Vergleich zu 2020 um 28 Prozent erhöht zu haben. Regierungssprecher Steffen Seibert bestätigte, dass der Konzern seine vertraglichen Lieferverpflichtungen erfülle.

Gazprom-Kontroverse: „Spiegel“ meldet Auffälligkeiten bei zwei Pipelines

Dies zeige aber laut Bericht nicht das ganze Bild. Denn Russland könnte womöglich über weniger bekannte Pipelines wie Jamal und Druschba („Freundschaft“) die Versorgung drosseln.

Einspeisepunkte in Deutschland gibt es in Greifswald, Mallnow, Deutschneudorf oder Waidhaus. VP-Ökonom Thomas Gitzel hat die Gasmengen untersucht. Sein Befund: „Nur in Greifswald, wo Nord Stream endet, ist der normal übliche Gasdurchfluss vorhanden“, sagt Gitzel. „An den übrigen Einspeisepunkten ist ein massiver Einbruch wahrnehmbar.“

Energieexperten schätzen die Lage ähnlich ein, trotz möglicher natürlicher Störungen: „Gazprom exportiert 2021 signifikant weniger Gas Richtung EU als in vergleichbaren Vorjahren“, sage Steffen Bukold, Chef des Branchendienstes Energy Comment, dem Spiegel.

Gazprom veröffentlicht Bilanz – aber äußert sich nicht zu „Spiegel“-Anfrage

Der Bericht weist auch darauf hin, dass die von Gazprom selbst veröffentlichte Daten diese Tendenz bestätigen. Aus den Zahlen lasse sich ablesen, dass der Konzern in der ersten Oktoberhälfte 16 Prozent weniger Gas als im September in die EU und Ukraine lieferte. Die Gasmenge pro Tag lag in der ersten Oktoberhälfte sogar um etwa ein Viertel unter der vom Oktober 2020.

Verglichen mit den Oktobermonaten bis zurück nach 2016 sei der Rückgang sogar noch größer. Eine Spiegel-Anfrage an Gazprom zum Einbruch der Liefermengen von Jamal und Druschba blieb bis Mittwochmorgen unbeantwortet. (frs)

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