1. Startseite
  2. Wirtschaft

„Fischsterben, Explosionen und sinkende Schiffe“: Experte sieht zahlreiche Gefahren durch Nord-Stream-Gaslecks

Erstellt:

Von: Patricia Huber

Kommentare

Die vier Gaslecks in den Nord-Stream-Pipelines bringen nicht nur sicherheitspolitisch Gefahren mit sich. Auch die Umwelt und der Schiffsverkehr sind beeinträchtigt, erklärt ein Experte.

Bornholm – Die vier Gaslecks in den Nord-Stream-Pipelines bereiten sowohl den EU-Regierungen als auch Sicherheits- und Umweltexperten Sorgen. Ein Unfall kann mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Die meisten Fachleute vermuten eine gezielte Sabotage der Gasleitungen und damit auch einen Angriff auf die Energie-Infrastruktur Europas.

Gaslecks in Nord-Stream-Pipelines: Schiffe könnten schlimmstenfalls sinken

Aktuell stehen auch die direkten Auswirkungen vor Ort im Fokus. Die Umgebung um die Lecks ist derzeit für den Schiffsverkehr großflächig gesperrt. Aber wieso überhaupt? Und was ist so gefährlich an der Situation? Das erklärt Dr. Jens Schneider von Deimling vom Institut für Geowissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gegenüber Merkur.de: „Erdgas besteht hauptsächlich aus Methan, ein sehr entzündliches Gas. Obwohl sich ein Großteil des Gases auf dem Weg vom Meeresboden zur Oberfläche im Seewasser löst, verbleibt das Gasgemisch an der Oberfläche entzündlich – eine potenzielle Gefahr für die Schifffahrt.“

Aber nicht nur Explosionen drohen. Der Gasaustritt könnte auch ohne Explosion schwere Folgen für Schiffe in der Umgebung haben, macht der Experte für Marine Geophysik und Hydroakustik klar: „Bei extrem intensiven Gasaustritten besteht darüber hinaus Gefahr, dass die Auftriebskraft des Wasser-Gas-Gemisches ein Schiff nicht mehr ausreichend trägt und es im Extremfall dadurch sinken kann.“

Gasaustritt in der Ostsee: Lokales Fischsterben laut Experte möglich

Es sind jedoch nicht nur Schiffe, die durch die Gaslecks in den Nord-Stream-Pipelines in Gefahr geraten können. Vielmehr bedroht die große Gasmenge auch die örtliche Tier- und Pflanzenwelt. „Das Bornholm Becken ist zu dieser Jahreszeit am Meeresboden sehr sauerstoffarm. Bei derart intensiven Gasaustritten ist anzunehmen, dass eine vertikale Zirkulation angeregt wird, die lokal sauerstoffarmes Tiefenwasser Richtung Oberfläche transportiert und so lokal zu einem Fischsterben führen kann“, erklärt Schneider von Deimling. Jedoch fehlen derzeit noch Informationen zur genauen Zusammensetzung des Gases. Daher seien weitere Überlegungen hinsichtlich einer Kontamination im Moment nicht möglich.

Gasleck bei Nord Stream 1
Das Nord Stream 1-Gasleck in der Ostsee, fotografiert aus einem Flugzeug der schwedischen Küstenwache. © Swedish Coast Guard/dpa

Unser kostenloser Renten-Newsletter versorgt Sie regelmäßig mit allen relevanten News aus der Wirtschaft. Hier geht es zur Anmeldung.

Nord Stream 1 und 2: Gasleck ist zusätzliche Belastung für das Klima

Was jedoch klar ist: Für das Klima ist der Gasaustritt nicht gut. Denn: „Mit mehr als 97 Prozent besteht Erdgas hauptsächlich aus Methan. Generell ist ein Molekül Methan 25 Mal klimawirksamer als ein Molekül CO2. Aktuelle Schätzungen gehen von einem initialen Gesamtvolumen von 500 Millionen Kubikmetern Erdgas in den beiden Leitungen aus“, sagt Schneider von Deimling.

Das klingt erst einmal sehr viel, doch „im Vergleich produziert in Deutschland die Viehwirtschaft ein Vielfaches dieses Wertes. Die Gesamtmenge in der Pipeline entspricht ersten Schätzungen zufolge 18 Prozent des jährlichen Methanausstoßes von Deutschland.“ Diese Zahlen beziehen sich auf die Menge an Gas, die sich ursprünglich in den Leitungen befand. Sollte weiterhin Gas durch die Leitungen gepumpt werden, müsste die Lage laut Schneider von Deimling neu bewertet werden. (ph)

Auch interessant

Kommentare