Gefahr durch gefälschte Medikamente

- München - Die Gefahr, gefälschten Medikamenten aufzusitzen, wächst auch in Deutschland. Gewinnspannen größer als im Drogenhandel rufen die organisierte Kriminalität auf den Plan. Nur zaghaft wird das Problem offen diskutiert und bekämpft.

<P>"Wenn ein Land behauptet, es habe kein Problem mit Arzneimittelfälschungen, dann hat es dies nur noch nicht erkannt." Die gebürtige Ägypterin Mona Abdel Tawab sagt diesen Satz ohne Einschränkungen. Sie ist als Pharmazeutin am Zentrallabor der Deutschen Apotheker tätig und weiß, wovon sie spricht. Das für Patienten oft lebensgefährliche Fälschen sei nicht mehr nur auf die Dritte Welt beschränkt. Bislang hat das Bundeskriminalamt hierzulande gerade 24 solcher Fälle offiziell gemacht. Davon seien drei Totalfälschungen gewesen von der Verpackung über den Beipackzettel zum Medikament.</P><P>Das sei aber nur die Spitze eines Eisbergs. Wie hoch die Dunkelziffer ist, mag weder sie abschätzen, noch ein anderer der Experten, die ungewöhnlicherweise die Pharmafirma Bristol-Myers Squibb in München zum brisanten Thema versammelt hat. Normalerweise wird das Problem in der Branche nämlich totgeschwiegen. Denn Plagiate schmälern nicht nur den Umsatz, sie bedrohen auch langfristig das Image. Wird ein Fall bekannt, verordnen Ärzte oft nur noch die Mittel der Konkurrenz, erklärt Tawab.</P><P>Fälschungen hätten es bis in die Apotheken geschafft, weil sie nahezu perfekt sind. "Selbst ich habe Schwierigkeiten, das Plagiat zu erkennen", räumt die deutsche Bristol-Verkaufsleiterin Ingrid Kempf ein und hält dabei ein Aids-Präparat hoch. Zumindest eine Gefahr für Patienten habe in dieser jüngst aus dem Verkehr gezogenen Fälschung nicht bestanden. Denn auch der Wirkstoff sei mit dem Original identisch gewesen. Das treffe bislang auf alle in Deutschland bekannt gewordenen Fälle zu, bestätigen Tawab und andere Experten. Dazu zählt Pharmakaufmann Gerhard Hunger. "In deutschen Apotheken gibt es in großem Maßstab unerkannte Plagiate", vermutet er. </P><P>Auch ihm ist aber kein Fall bekannt, wo falsche oder fehlende Wirkstoffe zum Gesundheitsproblem geworden sind. Im Ausland ist das die Regel. Backpulver statt Wirkstoff hätten bei Mitteln gegen Malaria und andere Krankheiten vor allem in Entwicklungsländern schon vielfach zu Todesfällen geführt, sagt Tawab. Die US-Drogenbehörde schätzt, dass etwa ein Zehntel des Markts aus Plagiaten besteht, die in den USA nachweisbar 66 Menschen das Leben gekostet haben. Finanziell entspricht das einem Volumen von 32 Milliarden Dollar. Die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt ähnliche Zahlen.</P><P>Besonders häufig gefälscht werden hochpreisige Lifestylemedikamente wie das Potenzmittel Viagra sowie lukrative Arzneien gegen Aids oder Krebs, sagt Tawab. Selbst hierzulande seien schon auf einen Schlag tausende Ampullen gefälschter Dopingmittel entdeckt worden. Bei solchen Produkten, die ohnehin oft über illegale Kanäle vertrieben werden, halten alle Experten das Risiko, ein Plagiat zu erwischen, für besonders groß. </P><P>Gefälscht werden Medikamente immer mehr, weil sie Gewinnspannen versprechen, die höher sind als beim Rauschgifthandel, sagen Tawab und Hunger einstimmig.<BR>Zentren der Produktion seien China, Osteuropa, Indien und vor allem Russland. "Das Geschäft hat mafiöse Strukturen", sagt Hunger. "Gepresst werden Plagiate oft in denselben Hinterhofküchen, in denen auch Drogen entstehen", bestätigt der Chemiker Georg Bauer, weshalb Arzneifälschungen oft gefährlich verunreinigt seien.</P><P>Ernsthaft verfolgt wird diese Art von Kriminalität überraschenderweise erst seit jüngster Zeit. In Deutschland gebe erstmals die seit August 2004 geltende Novelle des Arzneimittelgesetzes eine fundierte Grundlage, sagt Kempf. Verbesserungsfähig sei aber auch die Logistik, betont Tawab. "Der Weg eines Schweineschnitzels wird besser verfolgt als der von Arznei", rügt sie. <BR></P>

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